Links der Woche, rechts der Welt 45/17

(Foto: Gerd Altmann, CC0)

Rigoroses Redenlassen

Der AfD-„Philosoph“ Mark Jongen hat in einer Reihe über „Krisen der Demokratie“ am Hannah Arendt Center in New York einen Vortrag gehalten. Hannes Bajohr schildert in der ZEIT den darauf folgenden akademischen Shitstorm und wie schwierig es ist, mit Rechten zu reden. (03.11.17)

 

Wer und was dazugehört und wer und was nicht

Bei Telepolis hebt Mario Donick mit Gedanken über identitäts- und ordnungsstiftende Kanonisierung an, die in der neuen Unübersichtlichkeit postfaktischer Fake News nötig, doch nicht mehr möglich zu sein scheint. In den folgenden Essayteilen will Donick dem Phänomen kommunikationsoziologisch auf den Grund gehen. (05.11.17)

 

Benotung von Promotionen abschaffen

Im Uni-Blog der FAZ wundert sich Hannah Bethke darüber, warum Promotionen benotet werden: Während alle anderen Erwachsenen die Notenfreiheit des Berufslebens genießen, muss sich der akademische Mittelbau noch einmal wie in der Schule behandeln lassen. Und Bethke findet einige Argumente für die Abschaffung der Promotionsnoten. (09.11.17)

 

Über Sexismus reden

Für die taz portraitiert Katrin Gottschalk die Kulturkritikerin Anita Sarkeesian, die zur Hassfigur frauenfeindlicher Computerspieler geworden ist, nachdem sie 2012 die Darstellung von Frauen in Computerspielen thematisiert hat. Trotz ständiger Vergewaltigungs- und Morddrohungen lässt sich Sarkeesian weder zum Schweigen bringen noch aus der Gamerszene vertreiben. (10.11.17)

 

The Great Game

Im Freitag analysiert Andreas Diekmann die Optionen für den Brexit mithilfe der Spieltheorie. Dazu muss der Komplexität der Sache einige reduktive Gewalt angetan werden, doch dann lässt sie sich als Mischung aus Gefangenendilemma und Chickenspiel darstellen, in der hoffentlich alle Akteure rational entscheiden. (10.11.17)

 

Lob der Introversion

Lautstärke, Geschwindigkeit, Diskursverlotterung, eine Provokation jagt die nächste: Jörg Scheller zählt in der NZZ auf, warum Politik, Kultur, ach einfach alle gerade nichts so nötig haben wie Nüchternheit und Intelligenz, auch wenn beide keine Publikumsrenner sind. Als Vorbild könnte die Straight Edge Punksubkultur dienen. (11.11.17)

 

Kino

Die FR lobt Rahul Jains Dokumentarfilm „Machines“ über die frühkapitalistischen Zustände in indischen Textilfabriken.

Victoria Lorrimar und Michael Burdett gehen im Freitag davon aus, Science Fiction könne uns auf künftige Technologien vorbereiten (bzw. dazu erst inspirieren). Für den neuen „Blade Runner“ hieße das, sich auf das Zusammenleben mit künstlichen Menschen einzustellen. Auch Peter V. Brinkemper widmet bei Glanz & Elend Denis Villeneuves Filmfortsetzung von „Blade Runner“ einen Essay über den Klassiker, die Neuauflage und Philip K. Dicks Romanvorlage.

 

Radio

Im Philosophischen Radio auf WDR 5 unterhält sich diese Woche Jürgen Wiebicke mit dem Soziologen Joachim Fischer über die Stellung des Menschen im Allgemeinen und was Helmuth Plessner dazu eingefallen ist. Bei Sein und Streit im Deutschlandfunk Kultur ging es letzte Woche um Spinoza, Selbstaufklärung und Bewegungsfreiheit – morgen Mittag geht es ab 13:05 Uhr um Kompromisse und aktuelle Perspektiven der Psychoanalyse. Bei Essay und Diskurs im Deutschlandfunk erklärte der Soziologe Stephan Lessenich letzten Sonntag, wie kommod unsere Externalisierungsgesellschaft auf Kosten anderer lebt.

 

Bücher

Wieder viele Rezensionen nebenan bei Glanz & Elend, darunter diese beiden: Peter V. Brinkemper freut sich über die faszinierende Ausgewogenheit des Sammelbands „Die große Regression“, in dem 16 Autor_innen „über die geistige Situation der Zeit“ debattieren. Für Zeitverschwendung dagegen hält Jürgen Nielsen-Sikora die Leküture von Noam Chomskys trivialem „Requiem für den amerikanischen Traum“.

 

Sonstiges

Die ZEIT unterhält sich mit dem Philosophen Joseph Vogl über Manieren und gutes Benehmen in unhöflichen Zeiten. +++ „Mit welchem Lied kann man am schönsten sterben?“, fragt Felix Zwinzscher in der WELT und macht gleich mal einige Vorschläge. +++ Spaltung mit Worten: Telepolis stellt eine US-Studie vor, in der untersucht wurde, wie sich Formulierungen auf die Aggressivität von Lesern oder Hörern auswirkt. +++ Der muslimische Theologe Ali Ghandour erklärt im Freitag, warum der Salafismus nicht das islamische Gegenstück zur lutherischen Reformation ist. Was Ibn Taymiyya, einer der Vordenker des Salafismus, dagegen mit Luther gemeinsam hat, beschreibt Osman Hajjar in Lichtwolf Nr. 50. +++ Es gibt sie noch, die Kaffeehaus-Philosophen: Der Standard druckt das Gespräch von Sepp Dreissinger mit Franz Schuh über Coffee to go und schöne Langeweile im Café Hegelhof ab. +++ In der FAZ erinnert Jürgen Kaube an den Vortrag „Wissenschaft als Beruf“, den Max Weber vor genau hundert Jahren in einer Münchner Buchhandlung hielt. +++ Die SZ wiederum würdigt das Reclam-Heft, das gerade 150 Jahre alt geworden ist. +++ Falls Sie sich wundern, warum es hier so anders aussieht (und wieder Links der Woche gibt): Der Lichtwolf hat eine neue Homepage bekommen.

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