Links der Woche, rechts der Welt KW 27/17

von Timotheus Schneidegger, 08.07.2017, 12:58 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

Der Konvertiteneifer gewendeter Linker

Nicht selten werden Linke irgendwann zu besonders eifrigen Rechten, wie Georg Seeßlen bei Getidan an diversen Beispielen aufzeigt, um sodann in neun Thesen über diese „diskursive Binnenmigration“ und die Fluchtgründe nachzudenken: Männerphantasien vom heroischen Opfer-Status, völkische Altlasten, eine „Störung ihrer inneren Geschlechterordnung“, das Scheitern an einstigen Idealen, Aufmerksamkeitsökonomie… (01.07.17)

„Bocksgesang von links“

Thomas Assheuer blickt in der ZEIT auf die vielfältige Szene derer, die gerade in Hamburg gegen den G20-Gipfel demonstrieren. Er sieht die Kapitalismuskritik gespalten in Reformer und Apokalyptiker, deren Theorie-Helden Badiou und Žižek sind und deren (auch bei der Neuen Rechten beliebte) Dekadenzphantasien auf offene Ohren stoßen, weil der Liberalismus eisig schweigt. (05.07.17)

Auschwitz und das gar nicht ewige Deutschtum

Die FAZ bringt Navid Kermanis lange Rede darüber, dass eine Einbürgerung hierzulande auch bedeutet, die Verantwortung für den Holocaust mitzutragen, wie er es bei einem Besuch in Auschwitz als Deutscher erlebte. Von hier aus stellt er faszinierende Überlegungen dazu an, was die hiesige Erinnerungskultur in Wirklichkeit, d.h. im demographischen Wandel und vor ihrem historischen Hintergrund, heißt. (07.07.17)

Vergnügtes Kind des Sonnenaufgangs

Dieter Thomä würdigt in der NZZ Henry David Thoreau zum 200. Geburtstag und stellt ihn als schrägen Eigenbrötler, asexuelles Faktotum, Hoffnungsträger für Trumpistan und Begründer des „amerikanischen Transzendentalismus“ vor, der uns Hingabe an die Welt, zivilen Ungehorsam, Kommerzkritik und Extravaganz lehrt. (08.07.17)

Neue Bücher

Zu seinem 70. Geburtstag gönnt sich Peter Sloterdijk den Essayband „Nach Gott“, der laut der Rezension im Standard so elitär gehalten ist, wie der Titel verspricht. +++ Bruno Latour hat acht Vorträge über die Menschheitsaufgabe gehalten, den Klimawandel zu bewältigen; das Buch, in dem sie versammelt sind, wird im Freitag trotz seiner religiösen Untertöne gelobt. +++ Die NZZ weist auf den von den Wirtschaftsethikern Michael S. Assländer und Bernd Wagner besorgten Sammelband mit Texten zur Philosophie der Arbeit hin.

Außerdemos von Sonstnochos:

Philosophiegeschichtliche Überlegungen zum Wesen der Materie können auch heutige Chemiker noch viel lehren, glossiert Sibylle Anderl in der FAZ. +++ Andrian Kreye macht sich in der SZ Gedanken über die Innovationseuphorie Silicon Valleys im Gegensatz zur europäischen Skepsis gegenüber dem Internet als Weltverbesserungsmaschine, die ein besseres Internet hervorbringen könnte. +++ Komisch, aber unironisch: Marc Hieronimus’ Buch über die Décroissance-Bewegung und den Schritt zur Seite gibt es nun auch als E-Book. (Den aktuellen Lichtwolf über Wurst übrigens auch.)

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