Rauschender Alltag

Nicht wenige Menschen trinken nicht zum Spaßhaben, sondern um überhaupt mit dieser Welt zurechtzukommen. Das sagt viel über sie aus und noch mehr über diese Welt.

von Marc Hieronimus und Timotheus Schneidegger, 20.06.2016, 14:45 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

 

Ist eine Leserin nur noch in der Lage, besoffen Schlaf zu finden, ist es Zeit darüber nachzudenken, was da in ihrem Leben schiefläuft. Dass da etwas schiefläuft, ist eindeutig, wenn die Tage nur noch „verrauscht“ werden.

 

Alkohol ist ebenso wenig eine Lösung wie kein Alkohol. Alkohol ist nicht einmal das Problem. Es reichte ja aus, nicht zuviel von ihm zu trinken. Das Problem ist immer anderswo, und zwar in der Psyche oder der Welt des Trinkers. Warum sollte ein ausgeglichener Mensch sich totsaufen? Warum sollte ein unglücklicher Mensch in einer humanen Umwelt zur Flasche statt zum Telephon greifen?

Zweifellos gibt es Schicksalschläge, die einen in den Suff treiben können. Aber es gibt auch die „Resilienten“, die sich am eigenen Zopf wieder aus dem Sumpf ziehen können; die weniger resilienten, aber umso glücklicheren werden von ihren guten Freunden herausgezogen; und es gibt die einsamen Streiter, die (irgendwann) daran zugrunde gehen.

Die gelten – sofern die Leber bis zur Prominenz hält – als überaus kreativ. Literatur, Kunst und Philosophie sind voller Schnapsdrosseln, ja: Das meiste, was wir als Literatur, Kunst und Philosophie kennen, wäre ohne Alkohol und andere Rausch- und Genussmittel so nie entstanden. Wir wissen von der Sucht Dostojewskis, Becketts, Poes, aber auch Baudelaire, Jean Paul, E.T.A. Hoffmann haben übel gesoffen. Von Goethe ist der Konsum zweier Flaschen Wein am Tag überliefert. Soffen die alle aus Frohsinn? Aus Leichtsinnigkeit? Was ist mit Politikern und anderen „Leistungsträgern“, deren 80-Stunden-Wochen ohne Upper und Downer nicht zu bewältigen wären? Als Joschka Fischer 1983 für die Grünen ins hohe Haus einzog, stellte er (nüchtern) fest: „Der Bundestag ist eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt.“

 

Eine Flasche tschechischen Bieres in der Elbe, bei der Weißen Brücke in Špindleruv Mlýn. (Photo: Michael Helming)

 

Eigentlich ist es ja erstaunlich, dass nicht noch viel mehr Menschen alkoholabhängig sind. Gut, wir haben Drogen-, Spiel-, Sex-, Klau- und Kaufsucht und den immer noch größer werdenden Unterhaltungszirkus der Medien und asozialen Netzwerke. Aber was davon kann sich schon mit dem Saufen messen? Buchstäblich jeder Bedürftige kann sich Ethanol in beliebiger Konzentration und Menge leisten, jeder könnte sich in kürzester Zeit Leben und Leber ruinieren, aber nicht einmal jeder Achte tut es. Wer tut es – und warum? Gibt es Risikogruppen? Sollten Mütter ihre Kinder vom Philosophiestudium abhalten, wenn diese zu schwach auf der Leber sind? Oder sind die Schluckspechte nicht vielmehr schicht- und spartenübergreifend diejenigen, die in ihrer Kindheit und Jugend viel zu schlucken hatten, insbesondere ihre Tränen?

 

Alle reden vom vielen Saufen, niemand spricht vom großen Durst.

 

Der Trinker in Saint-Exupérys Kitschkinderbuch antwortet auf die Frage des Prinzen, warum er trinke, dass er traurig sei. Und er sei traurig, weil er trinke. Die genauso passende Umkehr ist Homer Simpsons Schlusswort der Episode, in der Springfield aus Rücksicht auf die Kinder die Prohibition auferlegt wird, nach deren Überwindung der dicke AKW-Sicherheitsinspektor triumphierend das Bierglas erhebt: „To alcohol – the cause of and solution to all of life’s problems!“

Lobenswert sind beide Bilder, weil sie dem vom fröhlichen Schluckspecht den angemessen tragischen Hintergrund beifügen. 9,5 Mio. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Menge und 74.000 sterben jährlich daran, zählt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung auf. Etwa 1,3 Mio. Menschen gelten als alkoholabhängig, von denen sich nur etwa 10 Prozent – oft erst viel zu spät nach 10 bis 15 Jahren einer Abhängigkeit – in Behandlung begeben. Man macht es sich zu leicht, stellt man sich diese Leute bloß als abgestumpfte Hartzer und verrohte Rabauken vor. Homer Simpsons rülpsender Saufkumpan Barney hat den Umzug seiner Jugendliebe in die große Stadt nie verwunden und wäre selbst beinahe in Harvard gelandet, hätte Homer ihn nicht kurz vor den Aufnahmeprüfungen auf den Geschmack einiger Bierchen gebracht.

Der Trinker trinkt sich in einen Rausch ohne Ekstase, um nicht mehr so empfindlich gegenüber den – vitalistisch gesprochen – „Gewürzen des Lebens“, also Schmerz, Enttäuschung, Furcht zu sein. Über dem Unkontrollierbaren verliert er die Kontrolle und fordert damit das moderne Erfolgsmodell und Selbstverständnis heraus: „Das Sprichwort ‚Wo ein Wille ist, da ist ein Weg‘ drückt nicht bloß ein germanisches Vorurteil aus. Es ist ein Aberglaube des modernen Menschen im allgemeinen. Um diesen Glauben aufrechtzuerhalten, kultiviert er auf der anderen Seite einen bemerkenswerten Mangel an Introspektion. Er steht der Tatsache blind gegenüber, daß er bei aller Vernünftigkeit und Tüchtigkeit von ‚Mächten‘ besessen ist, über die er keine Kontrolle hat. Seine Götter und Dämonen haben lediglich neue Namen erhalten, sind aber keineswegs verschwunden. Sie verfolgen ihn mit Rastlosigkeit, vagen Befürchtungen, psychologischen Komplikationen, einem unbezwinglichen Bedürfnis nach Pillen, Alkohol, Tabak, Diät- und anderen Hygienevorschriften und, vor allem, durch eine stattliche Reihe von Neurosen“, schreibt C. G. Jung in „Symbole und Traumdeutung“ (1961).

 

Wer trinkt, regt sich an, wer säuft, hat ein Problem.

 

Die Übergänge von Anregung zu Abhängigkeit fließen in Strömen von Bier, Wein und Schnaps. Unter den Trinkertypen nach Elvin M. Jellinek sind Alpha und Beta „suchtgefährdet“: Erstere („Problemtrinker“) konsumieren Alkohol, um sich zu entspannen, also um Angst und Ärger herunterzuspülen. Betatrinker nehmen abhängig vom sozialen Umfeld gern ein gemütliches „Bierchen“ zu sich oder auch acht. Gamma-Alkoholiker können ihren Konsum nicht mehr kontrollieren, Delta-Alkoholiker müssen einen konstanten Pegel halten, um keine Entzugserscheinungen zu erleiden, und Epsilon-Alkoholiker sind die sogenannten „Quartalssäufer“, die sich immer wieder mal tagelang abschießen.

Den allzu geselligen Betatrinker dürfte es schon immer gegeben haben. Der Alphatrinker jedoch, der Alkohol braucht, um die Zumutungen des Lebens verwinden zu können, ist ein neuzeitliches Phänomen: Der verharmlosend als „freizeit- und genussorientiert“ bezeichnete Drogenkonsum etablierte sich erst seit der industriellen Revolution.

 

Schön war das Leben noch nie. Trostspender Alkohol stand bis ins 19. Jahrhundert aber nicht als Massenartikel zur Verfügung, weshalb bis dahin andere Dinge übers alltägliche Unglück hinweghelfen mussten (Religion, Sex, Gewalt), die durchaus bemerkenswert sind. „Die interessantesten Methoden zur Leidverhütung sind aber die, die den eigenen Organismus zu beeinflussen versuchen. […] Die roheste, aber auch wirksamste Methode solcher Beeinflussung ist die chemische, die Intoxikation. Ich glaube nicht, daß irgendwer ihren Mecha­nismus durchschaut, aber es ist Tatsache, daß es körperfremde Stoffe gibt, deren Anwesenheit in Blut und Geweben uns unmittelbare Lustempfindungen verschafft, aber auch die Bedingungen unseres Empfindungslebens so verändert, daß wir zur Aufnahme von Unlustregungen untauglich werden. Beide Wirkungen erfolgen nicht nur gleichzeitig, sie scheinen auch innig miteinander verknüpft“, schreibt der Kettenraucher Sigmund Freud – dessen Rachenraum neuerdings zur Abschreckung auf Zigarettenschachteln abgebildet ist – 1930 in – natürlich! – „Das Unbehagen in der Kultur“.

Heute sind wir weiter, wissen um den Weg des Alkoholmoleküls durch die Blut-Hirn-Schranke ins Belohnungszentrum. Von hier konnte einst noch so manche Verzückung ihren Ausgang nehmen. Beim neuzeitlichen Menschen ist das Belohnungszentrum durch den Wechsel von Reizdeprivation im monotonen Job und Reizüberflutung in der Konsumgesellschaft (oder umgekehrt) so ausgeleiert, dass ein leckeres Essen, eine Berührung oder gar Sex hier nichts mehr reißen können ohne die Zugabe von Substanzen; die das ganze Elend einer nur noch zu Rausch, nicht mehr zu Ekstase fähigen Kreatur natürlich – wie bei Saint-Exupérys Trinker – nur vergrößern.

[…]

 


Lichtwolf Nr. 54

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Dieser Text ist die gekürzte Vorschau des Beitrags „Rauschender Alltag“ aus LW54.

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