Einleitung ins Titelthema „Ego Null“

„Oft muß ich in der ‚Fackel‘ Personen nennen, die an sich nichts bedeuten und gewiß nicht eines ‚Angriffs‘ wert sind, aber deren bloße Nennung eben den komischen Kontrast bezeichnet, der zwischen ihrer Nullität und ihrem Wichtigtun besteht, zwischen ihrer Geringfügigkeit und dem Eifer, mit dem sie von der U.A.-Presse zu Instanzen im Kunstleben emporgestapelt werden.“
– Karl Kraus, Die Fackel Nr. 147, 21.11.1903, S. 27.

von Timotheus Schneidegger, 20.09.2015, 13:10 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

Das beliebteste falsche Zitat der Philosophiegeschichte nach „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ lautet: „Cogito ergo sum.“ Descartes übt in seinen Meditationen über die erste Philosophie einen viel zu gründlichen Zweifel, um en passant etwas zu behaupten, was so flüchtig und unsicher ist wie „ich“. Tatsächlich stellt er mit der gebotenen Sorgfalt lediglich fest, dass es etwas Denkendes und etwas Ausgedehntes gibt.

Ego Null

(Illu: Georg Frost)

Bis zum Ich ist es noch ein weiter Weg, der ideengeschichtlich im Kreise zu führen scheint. Näher sind wir dem Ego in den Jahrhunderten seither jedenfalls nicht gekommen. Die heutigen Neurowissenschaftler pflegen den cartesischen Leib-Seele-Dualismus ebenso wie die Skepsis gegenüber dem Ego. Es habe sich evolutionär als sinnvoll erwiesen, wenn der kognitive Apparat sich zum Ich verdoppelt und pointiert, das auf dem Zeitstrahl wie Knete ausgewalzt eine mehr oder weniger zusammenhängende Identität ergibt.

Der grundsätzliche Zweifel, ob es mit dem Subjektgefühl wirklich etwas auf sich hat, ist Grundstock fernöstlicher Spiritualität und klassischer Topos der Postmoderne. Pessoa lässt seinen melancholischen Buchhalter Bernardo Soares am 21. Februar 1930 über sein bisheriges Leben resümieren: „Ich habe nicht einmal geschauspielert. Ich war die Rolle, die gespielt wurde. Ich war nicht der Schauspieler, ich war sein Spiel.“

Zeitgleich erfasst einige Tausend Kilometer weiter „rechts“ Heidegger das „man“ als das, was uns in der Alltäglichkeit lebt. Interessanterweise neigen nicht wenige Menschen (mit prekärem Selbstbewusstsein?) zum uneigentlichen Sprechen, wenn es um ihre Innerlichkeit geht. Das uneigentliche Ego, mit allen möglichst identisch, ist so unteilbar wie das Individuum, und sein Gehalt mehr Geschehen als Geschichte. Das ist wie das Schauspiel Soares’ nicht nichts und zugleich ein spektakulär auf- und ausgeräumtes Selbstbewusstsein. Dabei ist ein ausgeprägtes solches oder zumindest die Fähigkeit, es anderen vorzumachen, die wichtigste Sozialkompetenz im alltäglichen Kampf um Anerkennung. Man ist die eigene Vorstellung von den Erwartungen anderer und möglichst nie an und für sich, weil unter zwei Augen die Begegnung mit dem persönlichen Nichts droht.

Der Zweifel, ob es sowas wie das Ich überhaupt gibt, ist in solcher Kultur eine Kränkung, deren Gewicht für die Menschheit dem des Zweifels an der Authentizität des Einzelnen entspricht. Als „Fake“, „Phoney“ und „Möchtegern“ entlarvt zu werden ist schlimmer als ein Niemand zu sein, was allerdings auch nicht leicht zu ertragen ist – gemessen daran, wie viele trotz des Risikos versuchen, etwas zu sein, was sie nicht sind. Oder womöglich ist es mal wieder dieses Internet, das es so verführerisch leicht macht, die persönliche Nichtigkeit aufzuhübschen – Selbstdarstellung und Selbstverlust im digitalen Miteinander? Oder ist – ganz anders – der Zweifel am Ego nur der generalisierte Selbstzweifel?

Die Frage, wer das ist, der da spricht und handelt, ist jedenfalls eine philosophische und politische. So werden wir im vorliegenden über die historischen und kulturellen, d.h. kapitalistischen Bedingungen des Ichseins genauso nachdenken müssen wie über den (mangelnden) Gehalt desselben.


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