Wenn nichts mehr geht

von Gina Reimann, 22.03.2014, 17:11 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

 

Ein jeder hat sich schon einmal ihrer Methodik bedient / hat sie irgendwann einmal in seinem Leben gespielt / ihrer bedient / oder wurde gar Opfer der intriganten Version: Spielchen. Betrachtet man / nimmt man sich des / das Wort allein, wie es da so steht, im Diminutiv, wirkt es für das unbedarfte Auge beinahe harmlos. Viel mehr noch, es berührt unser inneres Kind, nimmt es an die Hand und führt es zu einem imaginären „Mensch ärgere dich nicht!“-Spielfeld. Wahlweise kann es auch ein „Mühle“- oder „Dame“-Spielbrett sein. Das obliegt dem Leser. Eine ganz andere Art des Spielchenspielens erkennt jene Person beim Lesen des Wortes, für die Manipulation keine entfernte Bekannte, sondern fester Bestandteil des täglichen Lebens ist. Jeder Mensch / jedes menschliche Individuum gerät während seines Daseins in Situationen, die das „Spielchenspielen“ als Ausweg, Konsequenz oder Mittel zum Zweck haben. Wahrlich, es nutzt nicht jeder Mensch gleichermaßen diese Möglichkeit.

Frauen spielen besonders gerne Spielchen. Das mag an ihren scheinbar komplexeren Gedankengängen liegen. Und an einem gewissen Maß an Unsicherheit. Spielchen werden besonders gern innerhalb von Liebesbeziehungen gespielt. Vornehmlich vom weiblichen Geschlecht. Die Rolle der Unnahbaren ist beliebt und facettenreich. Sie soll dem Gegenüber suggerieren, dass es keine Sicherheit gibt und es keine Selbstverständlichkeit ist, mit der Frau der Wahl zusammen zu sein.

Es ist praktisch immer der sogenannte „Gegenteiltag“ während dieser Spielchen-Phase. Es wird zumeist umgekehrte Psychologie angewandt. Reizend, provokant und verwirrend.

Illu: Georg Frost

Interessanterweise wird das Wort „Spielchen“ im Englischen unmittelbar mit dem Adjektiv „neckisch“ in Verbindung gebracht. Den Anglisten scheint bewusst zu sein, wie man Spielchen spielt. Wer hätte das gedacht?

 

Gründe

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb sich eine Person auf ein Spielchen einlässt.

Sei es als tonangebender Spielmacher oder als devoter Spielball.

Wenn ein schönes weibliches Wesen sich noch viel schöner und begehrenswerter fühlen möchte, wendet sie das altbekannte Spiel „Zuckerbrot und Peitsche“ an.

Das intensive Heranziehen einer emotional verbundenen Person bei gleichzeitiger Abwehrhaltung ermöglicht es, dem „Opfer“ ein Gefühl der Unbeständigkeit beizugeben.

Die eingebildete oder tatsächliche Unbeständigkeit verursacht Unsicherheit, welche wiederum dazu führt, dass das Objekt der Begierde in den Augen des Anderen ein rares Gut ist, das umgarnt werden muss, um es zu halten. Das zwischenzeitliche Füttern mit Zuckerbrot sichert dem Spielmacher, der Spielmacherin die Sympathien und lässt die Hoffnung aufkeimen, dass alles gut wird. Denn, man beachte, allein das Schwingen der Peitsche ist nicht zielführend. Ebenso wenig ist ein Übermaß an Zuckerbrot hilfreich. Im Gegenteil. Zu viel von beidem ist ganz und gar ungesund. Übersättigung führt in jedem Fall dazu, dass man den Geschmack – oder hier: das Interesse – verliert. Eine Überdosis an Verletzung hinterlässt irreparable Schäden, die ganz genauso – nur auf anderem Wege – zur Übersättigung führen. Es gilt also die Regel: Gleichgewicht halten. Die hohe Kunst oder Antikunst der Manipulation ist ein schmaler Grat zwischen temporärem Gewinn und endgültigem Verlust.

 

Historie

Spielchen wurden schon seit jeher gespielt. Auch von den Großen unserer Zeit.

Wer kennt sie nicht, die barbarischen Gladiatorenkämpfe! Für die Gladiatoren selbst ging es um alles, nämlich um Leben und Tod. Für den herrschenden Kaiser und sein Gefolge dienten die Kampfszenen der Belustigung und der Machtdemonstration.

„Lasset die Spiele beginnen!“

Es bedarf gar keiner langen Zeitreise, um weitere Spielchen zu entdecken. Gerade erst fanden die Olympischen Winterspiele – die Olympiade der Erste-Welt-Länder – im Land der Sieger in Trinkspielchen statt. Die tatsächlichen Spielchen fand man jedoch abseits des eigentlichen Wettkampfes. Wir sprechen hier von Machtspielchen. Die Spielchen der mächtigen Landesvertreter sind die auf perfide Weise weiterentwickelten Gladiatorenkämpfe. Während die gutgläubige Weltbevölkerung dem athletischen Kräftemessen entgegenfiebert und nichtsahnend den friedvollen Ablauf zelebriert, ist die Schachpartie um das politische Schönheitskrönchen eröffnet. Selbstredend möchte jede Nation als die erfolgreichste und sympathischste dastehen. Wann, wenn nicht bei einem sportlichen Wettkampf, kann man seine physische Überlegenheit so plakativ und erinnerungswürdig darstellen? Und das ohne böse Folgen? Eben.

 

Väterchen Russland gibt der Welt ein großes Stück Zuckerbrot.

Gepeitscht wurden bisher nur die Straßenhunde. Und die Andersdenkenden. Und die Leute, die zufällig auf dem falschen Stück Erde wohnten.

 

In der Spielchen-Falle

Was kann man tun, wenn man bemerkt, dass jemand ein „böses Spielchen“ mit einem treibt? Wie das altbekannte Sprichwort schon sagt, die gute Miene wird zum bösen Spiel. Lächelnd rammt sie ihm den Dolch ins Herz. Man kennt derartige Romanzeilen. Im wahren Leben ist das meistens nicht anders.

Konfrontation ist das Mittel der Wahl. Oder wegrennen. Obwohl letzteres selten umsetzbar ist. Stellt man also fest, dass man in ein fieses Spielchen hineingezogen wurde, sollte man Ruhe bewahren. Es verhält sich so wie bei einem Spinnennetz.

Ist die Beute erst einmal im Netz gefangen, hilft kein Zerren oder Ziehen mehr. Im Gegenteil, die Beute lockt die Spinne mit ihren Bewegungen an. Genauso ist es bei den gemeinen Psycho-Spielchen. Je mehr sich der manipulierte Mensch windet und wehrt, desto mehr gerät er in die Fänge – in den Sog des Spiels. Das ist dann in etwa so gravierend, als würde man bei „Mensch ärgere dich nicht“ alle Viere ins Ziel bringen. Oder beim Schach die gegnerische Dame schlagen.

 

Ausharren und Paroli bieten, mehr scheint nicht möglich.

Spielt die schöne Frau, der fiese Arbeitskollege oder der vermeintlich gute Freund ein Spielchen, ist es wichtig, ihm oder ihr die tückische Maske vom Gesicht zu reißen. Das Zuckerbrot abzulehnen schützt gleichzeitig vor der Peitsche.

Es gibt nichts Hilfreicheres, als dem Spielmacher die Zügel aus der Hand zu nehmen. Nichts macht mehr Eindruck auf den Manipulator als ein gefestigtes Gegenüber, das das Spielchen bereits durchschaut hat. Und sich weigert, weiterhin mitzuspielen. Rien ne vas plus.

 


Lichtwolf Nr. 45

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Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Wenn nichts mehr geht“ aus LW45.

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