Einleitung ins Titelthema „Spielchen“

Der Staat gebietet seinen Bürgern: ihr sollt nicht spielen! Aber die Börse verleitet sie zum Spiele und fordert dann, dass der Staat den Spieler zur Erfüllung seiner sogenannten moralischen, d.h. seiner unmoralischen Verbindlichkeiten zwinge.
– Karl Kraus, Die Fackel Nr. 80, Juni 1901, S. 6

von Timotheus Schneidegger, 22.03.2014, 17:15 Uhr (Zwote Dekade, 1/2)

Das Spiel (von ahd. spil, Tanz) begegnet uns nicht nur in Form von Schauspiel und Instrumentenspiel sowie sexualhormonell bedingten Ambiguitäten. Vielmehr scheinen Theater und Inszenierung allgegenwärtig wie die verbundenen Redensarten zu sein. Das Leben als Spiel zu sehen, muss nicht die gute Miene zum bösen Spiel erzwingen: Die Illusion vom lat. illudere (täuschen, ein Spiel treiben) ist ebenso dem Spielchen verwandt wie die Elusion (spielerisch entweichen), die schon auf den Tanz, die Kurzweile und Leichtigkeit verweist. Dem Mechaniker ist das Spiel eine Freiheit, die in Maßen für das Funktionieren der Maschine nötig ist, und wie könnten wir uns in Zeiten, in denen Menschen ihr Gedächtnis für eine Festplatte halten und im Urlaub ihre Akkus aufladen, nicht damit identifizieren?

Spielchen heißt, nicht einmal das Gegenteil von Ernst ernst zu nehmen. Der Ernst nämlich ist nicht das Gegenteil des Spiels. Das hat das IPuP in Lichtwolf Nr. 30 bereits anhand des Kriegsspiels beschrieben. Friedrich Wilhelm III. trieb sich mit Söhnen und Offizieren bis in die Puppen in der virtuellen Realität herum, die der preußische Kriegsrat von Reiswitz erfunden hatte. Diese Gefechtsübungen mit Spielwelt, Spielrollen, Spielregeln und Spielleiter schulten in der preußischen Offiziersschule das strategische und taktische Denken und sind die Vorfahren der Strategie- und Planspiele sowie der Internet-Rollenspiele unserer Tage.

Illu: Georg Frost

Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt, und zwar in der Art des Wolfs, der wie jedes andere Raubtier als Junges spielerisch die Fähigkeiten erwirbt, die ihn später zur Bestie machen. Deshalb erscheint es zum einen so einleuchtend, dass auf das Ballerspiel am Computer der erweiterte Suizid in der Schule folgt. Zum anderen verrät die Erfahrung von Katz-und-Maus-, Kriegs- und Räuber-und-Gendarm-Spielchen, dass Spiele entgegen der Definition nicht folgenlos sind.

Diese Ahnung schlägt sich nieder in Redensarten wie „auf dem Spiel stehen“, „eine Hand im Spiel haben“ und „zu hoch spielen“. Auch die Olympischen Spielchen sowie Brot und Spielchen widersprechen – trotz oder wegen der Mahnung, mit Essen und Schusswaffen spiele man nicht – dem Unernst und der Sorglosigkeit des Spielchenspielens.

„Gamification“ ist der neueste Personaler-Dreh, um die Effizienz in Bildung und Arbeit zu steigern: Statt Versetzung und Beförderung locken nun Highscores und Abzeichen („badges“), die ganz unverblümt militärischen Auszeichnungen nachempfunden sind. Der Mannschaftsport redet von „Angriff“ und „Verteidigung“, und es ist kein Zufall, dass deutsche Sportkader bei Polizei und Bundeswehr angestellt sind. Die Spieltheorie schließlich – weniger Spiel denn zynische Theorie rationaler Konkurrenz – ist ein an militärischen Think-tanks großgezogenes Kind der Logik, das längst in der Finanzwirtschaft arbeitet und den „global players“ beim „Einsätze machen“ hilft. Vom Alter des Glücksspiels an den Börsen, bei dem die Bank ebenfalls stets gewinnt, kündet dieser weitere Auszug aus der Fackel (Nr. 72, März 1901):

„Die Wiener Handelskammer sollte neulich wieder einmal … gegen die Verkürzung der Arbeitszeit im Bergbau mobil gemacht werden. … mit wahrer Freude hat es alle Wiener Socialpolitiker erfüllt, dass die Vertreter der Getreidebörse, … die übrigens auch ein Spielchen an der Effectenbörse nicht verschmähen, … mannhaft für die Arbeiter eintraten. Man wird den … Herren diesen Muth freilich nicht allzu hoch anrechnen, wenn man bedenkt, dass Börseanern, die überhaupt nicht arbeiten, natürlich jede Arbeitszeit zu lang erscheint und dass sie ja auch am Erträgnis der Bergwerke nicht interessiert sind, weil sie durch Baissespeculationen in Bergwerksactien viel mehr verdienen können als durch gute Dividenden.“

Also schauen wir doch mal nach, was gespielt wird und wer nur Spielchen spielt!


Lichtwolf Nr. 45

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Diesen und weitere Beiträge finden Sie in Lichtwolf Nr. 45 (Titelthema: „Spielchen“) – erhältlich hier im Einkaufszentrum.

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