Springtime for Tittenhitler

Pop = Hitler + Titten: Der Lichtwolf verschreibt sich dem Thema „Tittenhitler“, weil Titten und Hitler sich besser verkaufen als „Mösengandhi“ oder „Mutter Theresa und die Schwänze“. Was sagt die werbemäßige Abbildung sekundärer Geschlechtsmerkmale über die sie konsumierende Gesellschaft? Hängen Titten und Hitler auf eine verborgene Weise zusammen?

von Marc Hieronimus, 21.03.2012, 21:29 Uhr (Neues Zeitalter)

Sex ist immer ein Thema, mehr noch als Ernährung und Verdauung, obwohl die damit verbundenen Genüsse häufiger und essentieller sind; selbst auf Leserinnenseite lässt sich daraus ein gewisser Tittenschaubedarf erklären. Aber in dem Maße? Und vor allem – warum Hitler? Der „Affe am Klavier“ (Oswald Spengler) ist schon seit einer Lebzeit tot, auch die letzten Täter, Opfer, Mitläufer sterben aus. Alles ist auch schon gesagt, und zwar schon so oft und immer schon gerade erst wieder mit dem letzten Jahrestag, der letzten Doku-Wiederholung, dass die Zahl der jeweils neu hinzugekommenen Interessierten bundesweit kaum mehr als zweistellig sein dürfte. Der Nazi par excellence, der vermeintliche Haupt- und Alleinschuldige am Untergang des Alten Europa, dem Tod von 50 Millionen und ein paar (unter Trümmern und Panzerketten) Zerquetschten ist nun mal der bekannte Österreicher. Diese Haltung zieht sich von den Aussagen der ersten, Ende 1944 interviewten deutschen Mitläufer bis hin zur jeweils letzten sensationellen Sonderausgabe: „Hitler war’s“.

Irgendwo ist er ja faszinierend, der Schicklgruber, „A.H.“ (Golo Mann), „Machtpimpf, Industrieprodukt“ (Ulrich Holbein) und was nicht alles. Er verurteilte alle früheren Feldherrn, „nur uneffektive, wenig flächendeckende Vor-Hitlers zu bleiben“ (wieder Holbein). „In seinen Guido-Knopp’schen Redeausschnitten und Verfilmungen einigte man sich kollektiv auf ein sabberndes Monstrum mit Hängeschultern und Breitarsch, während er in Führerhauptquartiermonologen, Tischreden und Notaten vergleichsweise differenziert zu erscheinen vermochte, Semikola zu handhaben wusste“ (dito). Sicher hat uns spätestens LW-Kollege Michael Helming gelehrt, dass Rauschnings so oft zitierte „Tischgespräche“ mit Hitler einer strengen historischen Überprüfung nicht standhalten (der Mann aus Danzig hatte kein Notizbuch dabei). Aber dass Hitler reden konnte, und zwar so, dass der geneigte Besucher/die Besucherin ihm stundenlang zuhören konnte, steht außer Zweifel.

Was war er eigentlich, in echt und in den Augen der BetrachterInnen? Aufrichter, Niederreißer, Kämpfer, Alter Kämpfer, einfacher und (frauenloser) Traummann, der fürs Grobe, der der Stunde, Künstler, Führer, Tier- und Kinderfreund, kinderloser Vater, Antisemit, Vegetarier und Abstinenzler (außer in Bayreuth), Okkultist, Modernisierer, kühler Stratege, Choleriker, Staats- und Feldherr, Rhetoriker und Schreihals, und in alledem und manchem anderen ein Self-made-man, geradlinig/paktierend, unbeirrbar/wankelmütig, zupackend und zögerlich, eiskalt und herzlich, proletarisch, spießig, anti- und kulturbürgerlich, national, sozial, kriegstreiberisch und pazifistisch, kurz: Nicht „alles oder nichts“, alles und nichts, von jedem ein bisschen, überall drin und irgendwo dazwischen. Nach 1945 wurde er auch als Völkermörder, Parkinsonpatient, Witz- und Comicfigur, schwul, medikamentenabhängig, „verrückt“ und vieles mehr bekannt.

Vor allem war er ein Produkt seiner Zeit. Zahlreich, beinah zahllos sind die Geschichtsphantasien ohne, mit einem anderen oder an irgendeinem Zeitpunkt ausgeschiedenen Hitler, als wäre die Geschichte ohne ihn ganz anders verlaufen. Aber die Generäle sannen auf die Wiederaufnahme des Weltkriegs, die Wut über Versailles und die Weltwirtschaftskrise waren da, kaum da waren Demokraten, die die Republik verteidigten, gar nicht ein Bündnis zwischen den linken Parteien, das der Pest hätte Einhalt gebieten können. Es ist schwer zu sagen, was wann wo bei wem schief lief, wann genau der Weg bis Auschwitz und Mai 1945 vorgezeichnet war.

Springtime for Tittenhitler
Photo: Jörn Hausner

Alles, was Hitler und die Seinen ab etwa 1930 zum Schwingen brachten, war auch 1918 schon da, und von der „Schmach“ des verlorenen Weltkriegs abgesehen bereits lange zuvor. Die Nazizeit bedeutete sicher die Ausschaltung allen linken Fortschritts, aller Emanzipation, es ging auch nicht zurück nach rechts zu Kirche, Dörflichkeit und Adel, aber die Nazis nutzten und überhöhten Strömungen, Verhältnisse und Geisteshaltungen, die zeitgleich und größtenteils viel länger in Deutschland verankert waren, nämlich insbesondere die Geschlechterverhältnisse, den Nationalismus, Antisemitismus, Militarismus und andere Ismen bis zum… Kapitalismus. Der „Kleine Mann“ profitierte ab 1933 vom sukzessiven Wegfall der jüdischen Konkurrenz, von staatlichen Arbeitsprogrammen (Autobahn, Rüstung), vom Ende der Weltwirtschaftskrise, von den wirtschaftlichen Auswirkungen der allgemeinen Aufbruchstimmung, von der neuen staatlichen Unterhaltungsindustrie mit Film, Radio, Reisen, Sport; da kann man auch mal über die Abschaffung des Streikrechts und die „Gleichschaltung“ sämtlichen Vereinswesens hinwegsehen, zumal, wenn man keine Wahl hat. Die Industriekapitäne wussten auch, was sie an ihrem Hitler hatten; Anfang 1933 erschien er ihnen allemal besser als die Kommunisten, und ihre Rechnung sollte aufgehen.

Ihrem kapitalistischen Zweck- und Eigennutzdenken verwandt und eng verbunden ist die „eiskalt“ kalkulierende Kriegsführung der Nazis: „Totale“ Ausbeutung der besiegten Länder, Vernichtung allen Widerstands, Ruhigstellung der deutschen Zivilbevölkerung. Wie oft liest man, der Rassismus der Nazis sei so irrational gewesen, dass er der Verwirklichung ihrer eigenen Ziele im Wege gestanden habe. Das mag stimmen, soweit das Vorgehen im Osten gemeint ist – unter den Polen, Russen, Weißrussen und anderen Slaven hätten sich mit ein wenig Geschmeidigkeit im Umgang ganze Heere von kriegsfreiwilligen Antikommunisten aufstellen lassen. Aber dass die Ausbeutung bis zum Tode bzw. die systematische Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ im Falle der Juden, „Zigeuner“ und geistig Behinderten und das buchstäbliche Verreckenlassen russischer Kriegsgefangener, solange man noch glaubte, sie nicht zu brauchen und nichts mit ihnen anfangen zu können, „verblendet“ seien, will mir nicht einleuchten: Es ist nur rational. Sie störten doch, waren unnütz und „schädlich“. Das passiert, wenn alles dem Zweck, der Endlösung untergeordnet ist, wenn Trieb und Verstand, „Nacht“ und „Tag“ eine unheilsame Allianz eingehen und kein übergeordnetes Recht und kein Mitgefühl mehr vermitteln. (vgl. die tastende Annäherung ans Thema in LW36; zum Totalitarismus: Hannah Arendt)

Es bleiben einfach zu viele Fragen offen. Warum die Deutschen? Gut, und die Italiener. Ach ja, und die Spanier. Und die Bulgaren, die Kroaten, jede Menge Balten, Finnen, die Anhänger von Mosley in England, von Lindbergh in den USA, die Kollaborateure in Nord-, West-, Süd- und Osteuropa, die man mitmachen ließ, und die erwähnte sieben- bis achtstellige Dunkelziffer von aus Rassegründen abgelehnten Gesinnungsgenossen in Polen, Russland, Weißrussland und der Ukraine, plus die „Ehren-Arier“ in Japan, die Judenfeinde in den arabischen Ländern usw., aber bleiben wir der Einfachheit halber bei den Deutschen – warum? Bei all ihren verhängnisvollen Besonderheiten vor allem der geschichtlichen Situation – verlorener Weltkrieg, größtes Land Europas, preußisches Erbe, Armut, Regierungskrise etc. – waren „die Deutschen“ vor allem Menschen mit Bedürfnissen, Zielen, Idealen und je ganz eigenen, noch gar nicht vermassten soziokulturellen Einflüssen. Jede(r) hatte seine/ihre eigenen Gründe, vor oder nach 1933, 34, 36, 39 etc. gegen bzw. im Lauf der Jahre immer häufiger für die Nazis zu sein, d.h. die Frage ist letztlich falsch gestellt. Hätte Hitler also auch den Franzosen, Russen oder Engländern passieren können, wenn sie WK1 verloren hätten?


Lichtwolf Nr. 37

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Dieser Text ist die gekürzte Vorschau des Beitrags „Springtime for Tittenhitler“ aus LW37.

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