Kunst und Licht, Kultur und Landschaft. Krieg nicht zu vergessen.

Gefahr und dunkel Unbekanntes gibt es noch zuhauf, aber was wir mit dem Tag verbinden – Technik, Wissenschaft und Rationalisierung – hat an Glanz verloren und wird uns zum Verhängnis, zur schicksalhaften Zweitnatur, in die sich der Vereinzelte nur fügen kann. Ein Tasten im Dunkeln.

von Marc Hieronimus, 19.12.2011, 22:22 Uhr (Neues Zeitalter)

Durch die Rationalisierung und Metrisierung des Menschen unserer Prägung ist viel verloren gegangen, das wir auch 112 Jahre nach Freuds Traumdeutung noch nicht wiedergefunden haben, nämlich das Selbstverständnis, dass der helle Verstand nur ein Modus unseres Wesens ist. Da gibt es „dunkle“ Ängste und Triebe, die für eine gewisse Zeit von ein paar hunderttausend Jahren durchaus sinnvoll waren, wenn sie es nicht noch immer sind, und lauter Gefühle, die mangels Mess- und Skalierbarkeit in Theorie und Praxis der meisten Menschenwissenschaften fehlen. Und das, obwohl an ihnen alles hängt, sie allein den Menschen von der Maschine unterscheiden, jeden Schritt des Tagesab- und Lebenslaufs begleiten. Welcher Psycho-, Philo-, Anthropologe, welcher Arzt, Kultur- oder Musikwissenschaftler erklärt uns, nach Möglichkeit mit der aus der Festkörperphysik gewohnten Schärfe und Gelassenheit, warum die einen mehr auf Beatles stehen und die anderen mehr auf Stones, oder egal was sonst von Anal Cunt über Bach und Cancan bis Yes und ZZ Top? Warum das von der Tageszeit und -form abhängt, und was das ist, die Form, die Stimmung. Was das mit uns macht, und warum. Und warum uns Musik des Nachts, im Dunkeln mehr antut als tagsüber.

Das Dunkle bleibt, egal wie große Teile von ihm Wissenschaft, Technik und Medizin gleich Hollywood-Vampiren ans gleißende Licht zerren, dass es zerfalle. Die Metapher für das Dunkle, Unverstandene in und um uns ist die Nacht, allen voran die des Geistes, die heute wenn nicht heil-, so doch weitgehend therapierbar ist. Nach Roy Porters „Kulturgeschichte des Wahnsinns“ etwa führt ein direkter Weg von den Göttern und Dämonen über Asyle und Psychoanalyse bis zur medikamentösen Psychiatrie. So kriegte man, wenn man denn wollte, auch Religion und Fanatismus in den Griff, ganz wie schon Depression, Exaltiertheit, Hysterie, am Ende auch den „wilden“ Karneval (vgl. S. 26) oder zumindest das, was Menschen fehlt, die an ihm teilhaben – freilich um den Preis der Roboterisierung der betreffenden Patienten. Aber auch ganz „aufgeklärte“, bei allen untergründigen Trieben geplante Verbrechen wie die „Kristall“-, Bartholomäus- und die „Nacht der langen Messer“ gewinnen einen Teil ihres Schreckens durch die Assoziationen, die wir mit der Nacht verbinden, die eben nicht bloß die Abwesenheit von Tageslicht oder eine gewisse Uhrzeit bedeutet. Auch die Walpurgisnacht wäre nachmittags um vier kein halb so großer Spaß, und Ezechiel, Bosch, Poe, Lovecraft, ja selbst Stephen King müssen gewissermaßen Nachtarbeiter und Umnächtigte (gewesen) sein, sonst bricht etwas zusammen. Auch „Hitler“, also 33-45 und all das, war „Nacht“, irgendwie.

„Tag“ dagegen, das ist Bosch (diesmal der Firmengründer), Persil, Colgate, iPad, iPod, Eierkocher, Eierköpfe, auch all die Bosch, Poe, Lovecraft, King etc. der freudlosen [sic!] Kunst- und Literaturhistoriker, die unermüdlich zu Tage fördern [re-sic!], wie wach und rational selbst die Autoren finsterer Literatur ihre Werke konzipierten und vermarkteten. „Tag“ ist das Schizophrenie-Urteil über die Propheten und Religionsgründer, die Studie zu Hitlers Komplexen oder sexuellen Perversionen, auch Hitler selbst, diesmal der der Autobahnen und Fünfjahrespläne, und ganz allgemein alle und alles, so es Fortschritt ist bzw. in die etablierten Theorien passt – mit dem Ruhrpott-Kabarettisten Jürgen von Manger (+) gesprochen: Was man nicht versteht, das muss man sich erklären. Das auf seinem Weg zur Aufklärung, zur Mündigkeit auf halbem Wege stecken gebliebene Bewusstsein tut das dunkle Alte ab, weil es vergangen und vermeintlich überwunden ist, und leidet ratlos an der wenn nicht selbst scheinenden, so doch zumindest hell erleuchteten eigenen Zeit und ihren Sachzwängen; da ist es auch kein Trost, dass seine – unsere! – Zukunft nach allen Prognosen noch viel „düsterer“ ist.

Die so fest verwurzelte, wahrscheinlich universale, im Jungschen Sinne „archetypische“ Tag/Nacht-Metapher liegt wie ein Filter über allen Bereichen des Lebens. Geschmacksurteile, Empfindungen, die Wahrnehmung an sich ist von ihr bestimmt. Nur fünf Beispiele, dafür aber ganz große:

1. Kunst. Jeder, ja, doch: jeder ist bestrebt, seine Lebenswelt zu ästhetisieren, zu „verschönern“, sich zu entfalten (Karl Kraus möge ihnen verzeihen.), wenn er/sie nicht, wie längst mindestens jeder Fünfte auf Erden, um sein Leben kämpfen muss. Kunst ist Kunsthandwerk und, dann, Ausdruck von Höherem, oder Tieferem, gefaltet im Dunkeln Liegenden, Bewusstwerdung und Sichtbarmachen von und zu was auch immer – jedenfalls kein Markt und auch kein weiterer Schauplatz von Geltungskämpfen, nämlich zwischen denen, die sie besitzen, konsumieren, verstehen, sich mit ihnen schmücken, und den anderen, die das anders machen oder gar nicht, weil ihnen der Zugang fehlt. Wo die Kunst etwas Unerklärliches zum Schwingen bringt, ist sie „Nacht“, als Ware und Geltungsabzeichen „Tag“. Der dritte Weg ist Kunst als Selbstzweck (vertrauen wir dem „inspirierten“ Künstler) und Mittel zur ästhetischen und (warum nicht?) moralischen und gesellschaftlichen Erziehung, zur Menschwerdung inklusive Akzeptanz der Schattenseiten; es soll noch Lehrer geben, die z. B. Theater, Film und Literatur so verstehen.

2. Licht. Hier ein paar Fragen. Dass mit der Bevölkerungsexplosion auch die Lichtverschmutzung zunimmt, ist nicht erstaunlich – aber in dem Maße? Welchen Ausbruch dunkler Kriminalität fürchten wir, dass wir die Straßen so erhellen müssen? Hat Leuchtreklame messbare Auswirkungen auf unsere Kaufentscheidungen? Was macht die Kerze im Vergleich zur Kunstlichtbirne so romantisch, und was ist das, „romantisch“? Warum denkt man an Lagerfeuer und Stromausfälle mit Rührung zurück? Woran genau rührt es da – und rühren oder rührten die nächtlichen Spektakel der Nazi-, Sport- und Silvesterfeiern im selben Pfuhl? Warum wird am Morgen, kurz vor Sonnenaufgang hingerichtet – ist das bloß praktisch, so wie die kollegiale Nachtschwester oft nachts um halb vier die Alten wäscht, damit die Frühschicht nicht so hektisch wird, oder nicht doch eine letzte Niederträchtigkeit gegen den sonst nicht weiter Besiegbaren? Warum ist im Dunkeln sterben schlimmer als im Hellen? Warum sind trotz aller heutiger Budenzaubertechnik die „lichtdurchfluteten“ Wohnungen teurer als die anderen?

Photo: Jörn Hausner, Chambéry by night

Photo: Jörn Hausner, „Chambéry by night“; auch auf dem Titelbild von Lichtwolf Nr. 36 zu sehen.

3. Kultur. Die ist eigentlich Anbau, Pflege des Urwüchsigen mit „Know-how“, wie ja auch die Kunst von Können kommt. Ebenso wenig wie diese soll jene hier in zwei, drei fremdwortschwangeren Schachtelsätzen allgemein- und letztgültig bestimmt, d.h. zerredet werden. Nur so viel: Trotz aller nocturnen Kultur-„Events“ wie Museumsnächten, aber auch den prinzipiell auf den kinderfreien Abend verlegten hochkulturellen Theater-, Oper- und Konzertveranstaltungen ist „Kultur“ auf der einen Seite etwas hellwach Geistiges (da muss man aufpassen, sonst schnallt man nicht, was der Kulturmensch XY aus dem seinerzeit auch dem Volk verständlichen Stoff gemacht hat), andererseits fasst man unter ihrem Begriff auch die alltäglichsten Dinge wie Essverhalten, Ausdrucksweisen oder industrielle Landwirtschaft zusammen. Kultur ist das gepflegt Gewachsene, was der Bauer, Handwerker, Versicherungsmathematiker zwischen zwei Nächten schafft, und was der Künstler, Blogger, Architekt am Tag oder in der zum Tag gemachten Nacht der Nacht an Tag abringt, denn Kultur wird mit Tag, Natur mit Nacht verbunden.

4. Landschaft. So ist auch die Landschaft meist Kulturlandschaft: bestellte und kanalgesäumte Felder zwischen Mastfabriken und Legebatterienhallen, hier und da ein Outlet-Zentrum, ein Park, Parkplatz oder „Entsorgungspark“. Forste sind schon seltener, die letzten Wälder im früheren Sinne sind irgendwann zur Zeit der Romantiker verschwunden. „Blühende Landschaften“ hat Helmut Kohl seinerzeit in den neuen Bundesländern anlegen wollen, und er verstand darunter gerade nicht die bisweilen wahrhaft blühenden Industriebrachen, die nach Abzug aller Geräte und Subventionen geblieben sind. Global bedauern wir das Verschwinden der „letzten Paradiese“ irgendwo da draußen; privat sind uns die Eisbären im Zoo, auf Youtube und im Kinderbuch lieber und näher als ein leibhaftiges Raubtier vor dem Zelt, und auch der Dschungel mit all seinen kreuchenden und fleuchenden Garstigkeiten ist am Bildschirm gerade urwüchsig genug. Wir rufen die Polizei, wenn der Nachbarsköter vor die Haustür scheißt, und wenn er sich dafür eine fängt – Tierquälerei! Jährlich werden 50.000.000.000 Tiere geschlachtet, fast alle für „uns“, die Konsumkultivierten, die vor der Haustür Tauben füttern und Kröten über die Straße helfen. Das ist deprimierend, schizophren, und lässt doch ein paar Funken Hoffnung: Bei allen Träumen [sic!] à la Ray Kurzweil vom transhumanen Menschen, der sich mit Pharma-, Gen- und Nanowissenschaften schon in allernächster Zukunft – endlich! – von seinen körperlichen Anfälligkeiten lösen und Jahrhunderte alt oder gleich unsterblich werden soll, gibt es doch, selbst (oder gerade) im Postindustriestadtmenschen unserer Zeit noch recht viel irrationale Verbundenheit mit allem, was er nicht selbst ist oder für sich erschaffen hat. Da fühlt noch was. Und das ist nicht nur dunkel, sondern Teil des menschlichen Wesens, die Natur in ihm.

5. Krieg. Seit sich Menschen verständigen, wie sie andere besser überfallen können, ist auch der Krieg immer schon beides. Wer will die logistischen, strategischen und wissenschaftlich-technischen Großleistungen verleugnen, die es z. B. den Deutschen ermöglichten, über 10 der 31 Jahre von 1914 bis 1945 Weltkrieg gegen ihre zahlenmäßig weit überlegenen Gegner zu führen? Fritz Haber (Giftgas) ist für seine Arbeiten mit dem Nobelpreis belohnt worden, Wernher Freiherr von Braun („V2“) mit der Leitung des SS-, nein: US-Raumfahrtprojekts. Wer will andererseits nur eine Sekunde daran zweifeln, dass wohl noch jeder Krieg und ganz bestimmt die zwei genannten auch von der „Nacht“, von dunklen Trieben begleitet und geleitet wurden; das geht vom Fußtritt für den Kriegsgefangenen über den narzisstischen Gedanken, die Welt solle am deutschen Wesen genesen, bis zu Vernichtungskrieg und Holocaust. Man erliege aber nicht der Versuchung, alle Gräuel mit der vermeintlichen Nachtseite, d.h. den irrationalen Kräften des Krieges oder der Deutschen in Verbindung zu bringen. Der Bürokrat Eichmann war, mit Hannah Arendt gesprochen, mehr banal als böse, und z. B. die Massenerschießungen zu Beginn des Russlandkrieges sollen selbst einigen überzeugten Nazis schwergefallen sein – darum hat man sie ja mit den Gaskammern „rationalisiert“. Man weiß von Aussagen der Lagerinsassen (etwa Primo Levi) und Nachkommen der Täter (Stichwort: „Opa war kein Nazi“, Harald Welzer), dass selbst KZ-„Bestien“ liebevolle Familienväter (seltener -mütter), Blumenzüchter, Lyriker sein können. Der Krieg ist nicht der Sieg der „Nacht“ über den „Tag“, schon weil die beiden viel zu vage definiert sind, aber auch nicht der des Gefühls über die Vernunft, sondern eine verhängnisvolle Mischung beider.

Durchatmen. Der Krieg ist vorbei. Der Krieg ist vorbei, fünfzig andere schwelen oder lodern. Wir sind weiter, aber längst nicht am Ziel des „Abenteuers“, dieses in seinen Windungen nicht a priori festgelegten Weges mit Namen Aufklärung. „Ich weiß wohl, dass jeder denkende Mensch seine Zeit für die allererbärmlichste hält: Aber ich muss gestehen, dass ich von der Illusion nicht frei bin“, hat Schopenhauer gesagt. Heute leben wir in einer anderen Zeit. Uns Fettweltmenschen geht es – materiell – besser als je zuvor, auch weil wir den Krieg in andere Länder verlegt haben und gut an ihm bzw. ihnen verdienen; den vier verbleibenden Fünfteln dort geht es größtenteils – materiell – sogar auch etwas besser als ihren Vorfahren um 1800. Man kann nun durchaus der leicht zynischen Ansicht sein, deren Elend von Krieg, Entfremdung, kultureller Entwurzelung sei nur ein Übergangsphänomen, der Preis, den wir (d.h. vor allem sie) zu zahlen haben, sei das Symptom einer globalen Modernisierungskrise oder Teil einer „schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter), hier eben von archaisch-dunklen Kulturen und ihren selbstgenügenden Lebensweisen, und anschließend, irgendwann gehe es wirklich allen gut, oder zumindest allen gleich: Autos, Handys, Kühlschränke für alle – wer dann noch unzufrieden ist, ist wirklich undankbar! Das ist die heilsgeschichtliche Verbrämung des Kapitalismus: Machen wir nur weiter so, und alles wird gut, es gibt sowieso keine Alternative. Nur wird es ja nicht gut, nicht einmal schön. Es wird nur wahr.

Wir leben im Widerspruch. Wir gehen der Lebensreformer und Religionsstifter verlustig und erliegen doch einer Ideologie, einer totalen, jetzt nicht mehr nur machtpolitisch und medial, sondern auch noch medikamentös verankerten, mit Namen „Fortschritt“. Das ist die Dialektik der Aufklärung, nur dass es zu Horkheimer/Adornos Zeiten – leider! – noch keine alles vermeintlich Negative unterdrückenden Psychopharmaka gab, genau wie die Segnungen der Biochemie 1944 nur in Ansätzen vorhersehbar waren. Was hätten sie uns heute nicht zu sagen! Wo sind Hans Jonas (+), Günther Anders (+), Guy Debord (+)? Aber was könnten sie ausrichten – seit mindestens 40 Jahren ist die Wand am Horizont schon sichtbar, unübersehbar heute, und trotzdem geben wir weiter Gas. Brauchen wir einen postpostmodernen Lenin, der sagt und tut, was zu tun ist, und einen Ludendorff 2.0, der ihm vor dem Hintergrund eines nächsten Weltkriegs strategisch pokernd in den Sattel hilft? Die Globalisierungs-, Wachstums-, Tierversuchs- etc.-Gegner, die Kämpfer für Natur, Demokratie, Akzeptanz, Emanzipation usw. haben fast alle mit fast allem Recht. Auch sie sind nicht frei von Gefühlen, „Humanitätsduselei“, „Romantik“; und das ist gut so, denn, noch mal: Es geht darum, die Herrschaft der Tag/Nacht-Metapher zu erkennen und zu überwinden. In ihr liegen die Widersprüche begründet und lauern die größten Gefahren für die Zukunft. Wenn „Nacht“ nämlich das Schlechte, Böse, unsere Schattenseite ist, das Dunkel, aus dem wir als Gattung kommen, und das, wohin wir als Einzelne gehen, nämlich der Tod, der „Tag“ aber der helle Verstand und alles, was er anrichtet, bleiben „Gefühl“, „Natur“ und (wieder: warum nicht?) etwas wie „Spiritualität“ irgendwo unerkannt dazwischen, also auf der Strecke.

Illu: Georg Frost

Illu: Georg Frost

Zum Schluss ein paar Gedanken zur Vermittlung:

Sprachphänomene haben eine begrenzte philosophische Reichweite. Wenn Derrida die Tiere über ihre französische Bezeichnung (animaux) auf Wortwitz komm raus mit den Wörtern („ani-mots„) in Verbindung bringt, kann selbst der freigeistigste Leser schon mal zum Revolver greifen. Nahezu universell dürfte aber der Begriff des Tages als Tag und Nacht sein. Damit gebührt ihm gewissermaßen die Vor-, nicht die Alleinherrschaft. Der Tag ist der Tag und sein Gegenteil, und wer die Nacht zum Tag macht, holt sie tagsüber nach, denn Nachtmangel macht psychotisch, macht kaputt; Linderungsmittel sind Wachmacher und Psychopharmaka. Das gleiche gilt im Größeren und Metaphorischen. Der Mensch ist Mensch und Tier, hat seine Tag- und Nachtseiten und einiges dazwischen. Wenn er alles Nicht-Rationale verdrängt, ist es damit nicht verschwunden, und die Medizin macht ihn nicht zum Über- oder Trans-, sondern nur zum Nicht-Menschen, zum Automaten. Das würde auch Nietzsche unterschreiben.

Das Dunkle und das Nicht-Erklärbare – also die „Nacht“ und jenes halbwegs geduldete Dritte von Emotion und dergleichen mehr – hat sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur in Faschismen und Pogromen niedergeschlagen, sondern auch in den Werken zahlreicher Künstler und Großdenker, die ihm, anders als die zu vereinfachenden (und doch umstrittenen) „Tiefen“psychologen Freud und der junge Wilhelm Reich, ein schattiges, umfriedetes, nicht weiter beharkbares Wäldchen auf ihren Menschenkarten zugestanden. Dazu gehören neben unzähligen anderen natürlich C. G. Jung, aber sicher auch James Webb, der an seinen Studien zum Okkultismus im 19. und 20. Jahrhundert, dieser nach ihm dritten, noch anhaltenden Krise der Unvernunft [sic!] verzweifelte. In der Kunst sind neben z. B. den Tänzern und den Videokünstlern (alte Musikvideos nicht ausgenommen) vor allem die ollen Surrealisten stark unterbewertet und haben ihre Degradierung zu Illustratoren des Kunstunterrichts für die späten Pubertätsjahrgänge nicht verdient: Dalí hat viel Schau gemacht, aber wenn seine Bilder bei den längst nicht mehr so leicht zu beeindruckenden Jugendlichen von 12 bis 62 auch heute noch wirken, dann eben, weil sie nicht nur konzeptuell und kunsthistorisch, sondern noch anders, „tiefer“ interessant sind, an der Nacht- und Traumseite des Menschen rühren. Das gleiche gilt für Tanguy, Miró, Magritte, Max Ernst und viele Vertreter anderer Richtungen vor „Pop“. Warum hat die Malerei die Nacht vergessen? In der Mitte des 20. Jahrhunderts erst setzte sich die Konsumideologie durch, indem sie sich auf eine nie gekannte Medien-, und das heißt: Bilder- und unterschwellige Metaphernmacht stützte. Die Situationisten versuchten, die Mechanismen des Spektakels zu nutzen, um es von innen aufzubrechen; sie mussten scheitern, die anderen Noctambulen starben aus. Die etablierte Kunst heute kommentiert und manipuliert Medien ohne jeden emanzipatorischen oder gar (zum dritten: warum nicht?) „ganzheitlichen“ Anspruch. Das Dunkle findet sich isoliert, also verzerrt bei Schockern wie H. R. Giger oder den „torture porn“-Filmen der Bush-Jr.-Ära und ist dort nicht gut aufgehoben. Sicher, das kriegt die Fünfjährige nicht besser hin, das ist gekonnt, vielleicht auch Kunst, ganz wie die (anderen) Äußerungen der verzweigten Patschuli-Szene; emanzipatorisch ist es nicht, dafür nicht selten rechtsradikal.

Zu den nicht-nur- oder über-rationalen Ansätzen zählt auch die Gewaltfreie Kommunikation von Marshall Rosenberg: Statt sich die Köpfe einzuschlagen, setzt man sich an einen Tisch und redet von Gefühlen; es scheint, als wirke das selbst unter Kriegsparteien. Auch der boomende Dienstleistungszweig Mediation geht in die Richtung. Man fragt gar nicht, ob das, was da in den Streitparteien schlummert, nun vernünftig, gut/böse, effizient, archaisch oder sonst was ist, sondern sucht nach praktischen Alltagskompromissen. Das führt nicht ins Nirwana und jagt auch keine Schauder über den Rücken, aber es funktioniert, immerhin – jogische Flieger können wir anschließend immer noch werden.

Ach, und rund um 1968 war auch viel die Rede von Yin und Yang und all dem. „You know the day destroys the night, night divides the day… Break on through to the other side…“ Wo sind eigentlich die Hippies hin und all die anderen Aussteiger und Zauberkräuterzüchter ohne Lager- und Welteroberungsphantasien? Machen ihr Ding, ihre Dinger im Stillen: Patiencen, Seancen, was der Esoterikmarkt so hergibt, also nichts Wirkliches. Oder? Ein neues Körper- und Weltverständnis bastelt man sich jedenfalls nicht alleine… Vielleicht sollte man mal in der nächsten Bauwagenkolonie anfragen, wie weit sie in der Selbstfindung schon vorgedrungen sind. Wer weiß. Der Zyniker, Aussteiger und Punk ante verbum Diogenes von Sinope soll Alexander dem Großen auf die Frage, was er, der Weltherrscher, für ihn tun könne, geantwortet haben: Geh mir aus der Sonne. Vielleicht ist die Nacht einfach nur zum Schlafen da, und tagsüber lebt man das eine Leben, das man hat: „Ersparen wir uns doch den ganzen transzendentalen Quatsch, wenn das Ganze eindeutig wie ein Kinnhaken ist“ (Wittgenstein, mal wieder).

Wieder: gerne! Aber die Metaphern-Nacht, das Dunkle in uns wirkt fort. Die tiefste Nacht ist die fast vergessene „Finsternis“. Das ist das Ende, aber auch die Lösung des Problems der Erderwärmung und der kommenden Verteilungskämpfe, nämlich die radikale Verminderung der Weltbevölkerung und ein globaler Wärmeschutzschild – durch den atomaren Winter nach dem Dritten Weltkrieg. Machen wir uns nichts vor: Wenn die anderen partout so unglücklich und unvernünftig werden wollen wie wir, wird es verdammt eng auf dem Planeten, und bislang neigten die Betroffenen in großen Krisensituationen – die „Masse“ und die sie Regierenden – eher nicht zur besonnenen Ergründung ihrer dunklen Innenwelten…

Der Letzte macht das Licht aus.

Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Kunst und Licht, Kultur und Landschaft. Krieg nicht zu vergessen.“ aus LW36.
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