Don’t worry, I know you’ll never understand it.

So verabschiedete Wittgenstein die Prüfer seines Kolloquiums zur Erlangung der Doktorwürde. Gegenstand dieser Prüfung war sein philosophisches Debüt, die Logisch-Philosophische Abhandlung. Aber ob Wittgenstein seinen Text überhaupt selbst verstanden hat?

von Stefan Rode, 20.09.2011, 14:34 Uhr (Neues Zeitalter)

„Der eine, Ludwig, war vielleicht philosophischer, der andere, Paul, vielleicht verrückter, aber möglicherweise glauben wir bei dem einen, philosophischen Wittgenstein nur deshalb, daß er der Philosoph sei, weil er seine Philosophie zu Papier gebracht hat und nicht seine Verrücktheit und von dem anderen, dem Paul, er sei ein Verrückter, weil der seine Philosophie unterdrückt und nicht veröffentlicht und nur seine Verrücktheit zur Schau gestellt hat.“
– Thomas Bernhard, „Wittgensteins Neffe“

„Freilich zählte für Lukastik in erster Linie der praktische Nutzen, der darin bestand, mittels der philosophischen Abhandlung immer wieder auf den ‚geraden Weg‘ zurückzufinden.“
– Heinrich Steinfest, „Nervöse Fische“

Das Thema „Sprache“ in einer Zeitschrift für (trotz) Philosophie drängt den Damen und Herren Autoren sicherlich nicht ganz unberechtigt Wittgenstein auf. Die hiesige Zeichenbegrenzung (Zwanzigtausend) lässt mich spontan an den Wittgenstein-Schüler Norman Malcolm denken: „Wittgenstein verdichtete seine Gedanken so weit, daß eine weitere Verdichtung ganz unmöglich ist. Man muß sie vielmehr entfalten und die Verbindung zwischen ihnen aufspüren.“ Aufgrund des sehr systematischen Aufbaus beispielsweise der Logisch-Philosophischen Abhandlung (oder für das Bücherregal: „Tractatus Logico-Philosophicus“) kann sich dieser Eindruck sicherlich aufdrängen, dennoch ist es freilich auch dem Anspruch des vorliegenden Mediums geschuldet, dem Ganzen einen knackigen und interessanten Anstrich zu verleihen. Einen kurzen Abriss zur interessanten Vita Wittgensteins lieferte das Institut für Polytoxikomanologie und Perspektivismus in Lichtwolf Nr. 27 ab S. 30. Dort erfährt der Leser alles zu Wittgenstein als „traurigen Mann“, Architekten, launischen Professor für Philosophie und Schürhakenschwinger.

Nun ja, um was geht es denn in diesem Tractatus? Wittgenstein überrascht den Leser gleich im Vorwort mit der Feststellung, dass – seiner Meinung nach – die philosophischen Probleme auf Missverständnissen in der Logik der Sprache zurückzuführen sind. Mithin eine Abkehr von der „klassischen“ Variante der philosophischen Problemlösung im Sinne einer Argumentation zur Lösung des (Einzel-)Problems, hin zu einer Aufschlüsselung der grundlegenden Systematik, um die Angelegenheit an der Wurzel zu packen.

Dazu soll die logische Struktur der Sprache analysiert werden, sodass sich unsere philosophischen Probleme als unsinnig bzw. missverständlich entpuppen. Dies geschieht durch eine einfache Gleichsetzung: Die Grenze unserer Gedanken ist auch gleichzeitig die Grenze unserer Sprache. Oder wie Wittgenstein in einem Brief an Russell schreibt: „Die Hauptsache ist die Theorie über das, was durch Sätze – d.h. durch Sprache – gesagt (und, was auf dasselbe hinausläuft, gedacht) und was nicht durch Sätze ausgedrückt, sondern nur gezeigt werden kann. Dies ist, glaube ich, das Hauptproblem der Philosophie.“ Was jenseits der Grenze der Sprache liegt, ist schlichtweg „Unsinn“. Entsprechend gipfelt der Tractatus auch abschließend in das vielzitierte und von Mauri Antero Numminen (1) meisterhaft besungene „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. Denn – „alles was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen“.

Auch wenn das obligatorische Zitat Punkt 7 bereits gebracht wurde (Pulver verschossen) und es sich für das Frühwerk Wittgensteins aufgrund seiner Griffigkeit doch aufzudrängen scheint, so möchte ich eine andere Stelle des Tractatus in den Vordergrund stellen, welche meines Erachtens den Kerninhalt des Erstlings bestmöglich umfasst: „4.0031 Alle Philosophie ist ‚Sprachkritik‘. (Allerdings nicht im Sinne Mauthners). Russells Verdienst ist es, gezeigt zu haben, daß eine scheinbare logische Form des Satzes nicht seine wirkliche sein muß.“ Also wenn alle Philosophie Sprachkritik ist, dann müsste sich, zumindest langfristig betrachtet, eine Problemlösung im Sinne der Sprachkritik konstruieren lassen. Um dieses zu vollziehen, bedient sich Wittgenstein der Werkzeuge der Logiker. Das Interesse wird von einem „wahr“ oder „falsch“ des Sachverhaltes auf die reine Form des Arguments umgelenkt. Sachverhalte sind diesbezüglich als das Zueinander der Gegenstände gemeint (Raum der Sachverhalte). Diese Möglichkeiten liegen bereits in der Natur des Gegenstandes begründet: „2.0141 Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten ist die Form des Gegenstandes.“

Aus diesem Zueinander der Gegenstände in Form des Bestehens und Nichtbestehens wird nun die Wirklichkeit geformt (positive und negative Tatsachen). Das Denkbare wird gegen das Undenkbare abgegrenzt, sodass das Undenkbare durch das Sagbare dargestellt wird. Der Logiker findet mithin seine Aufgabe überwiegend in der Gültigkeit und nicht in der weitergehenden Begründung, sodass Überlegungen zur Form und Struktur von Argumenten den Fokus bilden. Daher können Aussagen auch in Form von Symbolen und Formen dargestellt werden, welche die voll ausgeschriebenen Sätze ersetzen. Diese Sprache des Prädikatenkalküls bezeichnete Russell als „logically perfect language“. Wittgenstein fasst diesen Grundgedanken auf und verknüpft ihn mit der seinerzeit entwickelten Struktur der Welt, welche der Struktur der Sprache parallel gegenübergestellt wird:

Sprache – Welt

Sätze – Tatsachen

Elementarsätze – Sachverhalte

Namen – Gegenstände

Sätze können wahr oder falsch sein (beispielsweise dargestellt durch „Wahrheitstafeln“), wohingegen die wahren Sätze der Logik immer wahr sind (Tautologien) und die logisch falschen Sätze der Logik immer falsch sind (Kontradiktionen). Die Logik soll mithin die gesuchten Grenzen der sinnvollen Rede aufzeigen. Alles was außerhalb dieser Grenzen liegt, kann allenfalls „gezeigt“ werden. Im Sinne eines Zeigens wird beispielsweise die Ethik betrachtet, welche demnach in den Bereich der Metaphysik positioniert wird.

Und nun wird es interessant: die weithin im Tractatus ausgelassene Ethik. Hierzu schrieb Wittgenstein in einem Brief an Ludwig von Ficker: „Es wird nämlich das Ethische durch mein Buch gleichsam von innen her begrenzt… Alles das, was viele heute schwefeln, habe ich in meinem Buch festgelegt, indem ich darüber schweige.“ Im Tractatus selbst findet sich in diesem Zusammenhang die folgende Passage: „6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“ Hier schließt sich der Kreis der Ausgangsfragestellung und findet seine Beantwortung durch das (im Tractatus fast vollständige) Schweigen. Ethik und Religion liegen (wie auch Gott) außerhalb der Welt, sodass eine Untersuchung anhand der Sprache per se zum Scheitern verurteilt ist. Ethik sei von der Welt losgelöst und lasse sich nur „zeigen“ – sie wird also in die Metaphysik (zurück-)transzendiert (in den Schoß der Kirche?). Dabei ist doch gerade diese Thematik eine Wurst, welche sich die Philosophie nicht vom Brot nehmen lassen sollte, linguistic turn hin oder her.

(Illu: Georg Frost)

(Illu: Georg Frost)

16 Jahre nach der Niederschrift des Tractatus schreibt Wittgenstein (nämlich im Vorwort zu den Philosophischen Untersuchungen) seinem vorangegangen Werk „schwere Irrtümer“ zu. Russell drückt dies etwas charmanter aus: „Mr Wittgenstein’s Tractatus Logico-Philosophicus, whether or not it prove to give the ultimate truth on the matters which it deals, certainly deserves, by is breadth and scope and profundity, to be considered an important event in the philosophical world.” Der Tractatus also nur ein besonders obskures Stück im bunten Museum der Philosophie? Anthony Clifford Grayling diagnostiziert dem Tractus immerhin ein „eigenartiges Schicksal“. (2) Das Werk würde eher mit historischem Interesse als mit einer ernsthaft geführten Debatte behandelt. Dies ist zum einen auf die bereits beschriebene Kritik ausgehend von Wittgenstein selbst an seinem frühen Denken zurückzuführen. Auf der anderen Seite weist Grayling auf schwere Mängel in der Aufschlüsselung der im Tractatus vollzogenen Analyse der Funktionsweise der Sprache hin. So sei das gewählte System der Verknüpfung von Welt und Sprache zu grob, da wesentliche Elemente der Sprache (Fragen, Befehle, Mahnungen, Warnungen, Versprechen, usw.) in der bloßen Gleichstellung ‚Aussage = Sprache = Welt‘ ausgelassen würden, also insgesamt eine Ignoranz der Vielfalt der Sprache. Mal ganz davon abgesehen, dass Sprache ohnehin kein „in Stein gemeißeltes“ Statut ist, sondern beständigen Einflüssen und Veränderungen unterworfen ist. Man denke zum einen an den bereits von Wittgenstein genannten (und im Tractatus verworfenen) Fritz Mauthner, dem Wittgenstein sich dann in den Philosophischen Untersuchungen im Übrigen wieder annähert, (3) und zum anderen auf die Anfang des 21. Jahrhunderts glückliche Position, eine enorme Geschwindigkeit der Sprachbildung verfolgen zu können. Dies dank technischer Globalisierung, Internet, Weltvernetzung, usw., sodass der Prozess der Sprachentlehnung, Sprachvermischung und „Sprachspielerweiterung“ eine fast greifbare Entwicklung durchlebt. So kann der Abstand einer einzigen Dekade bereits ein komplettes (rein „technisches“) Missverstehen erzeugen. Aber dies nur am Rande. Fülle man nun die aufgestellten Normungen und Behauptungen des Tractatus mit „lebendigen Beispielen“, so würde nach Grayling die Unanwendbarkeit unmittelbar entblößt werden: „[…], denn man weiß dann buchstäblich gar nicht mehr, worüber Wittgenstein zu reden glaubt.“

Ganz in diesem Sinne wird Wittgenstein im § 107 der Philosophischen Untersuchungen schreiben: „Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr und unserer Forderung. (Die Kristallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht ergeben; sondern sie war eine Forderung). Der Widerstreit wird unerträglich; die Forderung droht nun, zu etwas Leerem zu werden.“ Elisabeth Leinfellner fasst die Wittgensteinsche „Kehre“ in ihrem Essay „Fritz Mauthners Sprachkritik“ (4) wie folgt zusammen: „Später ging Wittgenstein ein Licht auf, dass es mit der Logik nicht so weit her sei, dass sie ein Luftschloss sei, dem etwas Wesentliches fehle: eine dem natürlichen Sprachgebrauch adäquate Bedeutungslehre, d.h. Semantik.“

Eine überzeugend wirkende, aber inhaltliche Leere skizziert Wittgenstein im kurz darauf folgenden § 112 der Philosophischen Untersuchungen: „Ein Gleichnis, das in die Formen unserer Sprache aufgenommen ist, bewirkt einen falschen Schein; der beunruhigt uns: »Es ist doch nicht so!« – sagen wir. »Aber es muß doch so sein!«“. Hinter dieser kleinen Lebensweisheit verbirgt sich ein ganz erstaunlicher Aspekt. Gemünzt auf den Tractatus erscheint das „Aber es muß doch so sein!“ als eines der vielen rhetorischen Mittel aus dem Werkzeugkasten der Sprachkunst, welcher Wittgenstein sich zur Darlegung seiner Thesen bedient. Er schreibt mal apodiktisch, mal metaphorisch, meist betont nüchtern und abgeklärt. In diesem Sinne ein Sprachkunstwerk zur Überwindung der Sprache? Ein Gedicht gegen Dichtung? Ein Lied gegen Musik? Wittgenstein erkennt diesen Widerspruch selbst und führt bereits zum Ende des Tractatus in Anlehnung an Schopenhauer an: „6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“ „»Es ist doch nicht so!« – sagen wir. »Aber es muß doch so sein!«“. Hier mündet unsere Betrachtung wiederum im § 112 der Philosophischen Untersuchung.

Nochmals – „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ – Aber wir können es ja wenigstens versuchen.

(1) http://www.youtube.com/watch?v=57PWqFowq-4
(2) Griffige Wittgenstein Einführung: A.C. Grayling (1994): Wittgenstein. Freiburg, Verlag Herder.
(3) Ich verweise an dieser Stelle auf den in der vorliegenden Ausgabe enthaltenen Beitrag des Kollegen Michael Helming ab S. 12.
(4) http://www.ejournal.at/essay/leinels.html


Lichtwolf Nr. 35

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Diesen Essay und weitere Beiträge finden Sie in Lichtwolf Nr. 35 (Titelthema: „Sprache“) – erhältlich hier im Einkaufszentrum. Die Ausgabe gibt es übrigens auch als E-Book für Kindle und im epub-Format.

Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Don't worry, I know you'll never understand it.“ aus LW35.

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