Lernen, was man schon wusste

von Timotheus Schneidegger, 03.01.2011, 14:18 Uhr (Neues Zeitalter)

 

Google hat bei einem Jahresgewinn von 4,6 Mrd. Euro (2009) genug Geld, um seine Entwicklerteams an der ganz langen Leine zu lassen. Vorgabenlos hocken die professionellen Nerds an ihren Googlelabs-Computern und überlegen sich, was man mit den angehäuften Datenschätzen noch alles anstellen könnte.

Angesichts solcher vergoldeten Narrenfreiheit ist Ngrams kein allzu großer Geniestreich: Googles Diagrammfunktion wurde einfach mit der Schlagwortsuche von Google Books verknüpft. So ist es nun möglich, sich anzeigen zu lassen, wie oft oder selten ein Begriff im Laufe der letzten Jahrhunderte in den Büchern verwendet wurde, die Googles Datenschwamm bereits aufgesogen hat.

 

Tanja Gabriele Baudson hat sich in den Brainlogs nebenan den Neujahrskater damit vertrieben, Google Ngrams nach „Hochbegabung“ – ihrem Kernthema – zu befragen und das gelieferte Diagramm zu deuten: „In der Grafik sind auch deutlich die Auswirkungen des Sputnik-Schocks zu erkennen: Nachdem die Russen den Weltraum „erobert“ hatten, setzte in den USA eine massive Bewegung ein, das intellektuelle Potenzial in der Bevölkerung besser zu fördern…“

 

Philosophie

Nun gibt es ja wirklich nichts Schöneres, als sich ideengeschichtliche Ahnungen von Diagrammen bestätigen zu lassen, noch dazu wenn sie von Google kommen. So hat der Lichtwolf sich mal den deutschsprachige Korpus seit 1800 vorgenommen und als Erstes den Popularitätsverlauf von „Philosophie“ geprüft. Siehe da:

Klicken Sie auf ein Diagramm, um es sich im Original bei Google anzusehen.

Offenbar gab es um 1830 bzw. mit Hegels Tod einen regelrechten Boom der Philosophie, die ihre erste Flaute während der Einführung von Renten- und Krankenversicherung in den 1880ern erlebte und ihre zweite – leichter zu erklärende – mit dem Ende der Weimarer Republik und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, von dem sie sich rasch erholte, um seit den 80ern auf dem absteigenden Ast zu sein. Interessant ist dabei, dass es keinen Wendeknick gibt wie im Falle einiger – je nach politischer Großwetterlage beliebter – Politiker:

 

Hitler, Stalin, Lenin

Stalins Popularität nahm nach dem Sieg über Hitler, der in den Naziprozessen der 60er und im Historikerstreit der 80er zwei große Comebacks feierte, bis zu seinem Tod 1953 nahezu exponentiell zu, um nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 abzusacken. Dafür wurde nun Lenin als Leitfigur wieder populärer, besonders im Deutschen Herbst. Erst mit Gorbatschows Amtsantritt und der Wiedervereinigung wurde er von Stalin wieder ein- und überholt.

Mindestens so oft wie zu „Hitler“ wird das Internetorakel zu „ficken“ befragt, und hier wird es ganz erstaunlich:

 

ficken, Geschlechtsverkehr, Sex

Zum einen sehen wir, dass die Häufigkeit des Wortes „Sex“ in deutschsprachigen Büchern seit dem Wirtschaftswunder (und eben nicht erst seit oder wegen 1968) nahezu ununterbrochen ansteigt und dem „Geschlechtsverkehr“ des Beamtendeutschs den Rang ablief, auch wenn der GV – womöglich in Folge der munter wuchernden Justizliteratur – sich langsam aber stetig gesteigert hat über seine drei Peaks zu Beginn des 20. Jahrhunderts hinaus. Das Wort „ficken“ kommt in deutschsprachigen Büchern bestenfalls erst seit der Wende vor und dies – entgegen aller Fräuleinwundergeilheit des Föjetong – nur vergleichsweise selten.

Wer Google nach Hitler fragt, soll von Heidegger nicht schweigen, und wen sonst könnte man gegen ihn ins Rennen schicken als TWA?

 

Heidegger und Adorno

Mit „Sein und Zeit“ schwang sich der Todtnauberger 1927 empor, allerdings brachte ihm der NSDAP-Beitritt 1933 keine erkennbaren Popularitätsschübe. Dafür jedoch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, seit dem „Heidegger“ immer öfter in Büchern vorkam, in den 80ern ein regelrechter Hit wurde, ehe die „Heidegger“-Blase in den 90ern platzte. Einen kleinen Peak hatte „Heidegger“ 1968, als sein Antagonist „Adorno“ so richtig durchstartete, seither auf hohem Niveau stagniert und während des Deutschen Herbstes gar vor „Heidegger“ rangierte.

Ein anderes, älteres Dream Team der Philosophie waren…

 

Nietzsche und Schopenhauer

Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte offenbar jede Generation ihren „Schopenhauer“-Jieper. Nietzsche erlebte den Aufstieg seiner Namensnennung nur noch durch den Schleier des Wahnsinns 1890ff. und überholte sein frühes Vorbild (und dessen schreibende und „geliebte“ Schwester Adele) als erst mit der Ausrufung der Weimarer Republik. Da war er schon längst tot und musste auch nicht mehr den erwartungsgemäßen und trotzdem irren Peak seiner Popularität in deutschsprachigen Büchern während des Zweiten Weltkriegs miterleben.

 

Google Ngrams verspricht, so etwas wie eine Tiefkernbohrung des Zeitgeists zu sein, und das möchte man gerne glauben, blickt man abschließend auf drei Lieblingshelden des Lichtwolf:

 

Karl Kraus, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky

Alle drei erlebten erst in den 60ern und somit fast zwei Generationen nach dem biologisch bedingten Ende ihrer eigenen regen publizistischen Aktivität einen regelrechten Boom, der sich den damaligen editorischen Bemühungen um die Herren verdankt. Der Aufbau Verlag brachte 1966 Ossietzkys Schriften in zwei Bänden, Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz gaben seit 1960 Tucholskys gesammelte Werke heraus und Zweitausendeins stemmte seit 1968 die komplette Fackel von Kraus in die Bücherregale.

 

Was haben wir also von Ngrams gelernt? Dass wir Diagramme in Übereinstimmung mit unseren Ahnungen bringen können. Viel Spaß beim Selbermachen!

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