Seligkeit und Sauerkraut

In der Bibel werden Äpfel, Manna und Jesus gegessen, im Porno dagegen wird gefastet. Geht wahre Liebe durch den Magen? Ist das größte Glück der Erde ein gegrilltes Stück vom Rücken der Pferde? Essen allein scheint jedenfalls nicht unglücklich zu machen.

von Marc Hieronimus, 19.12.2010, 19:42 Uhr (Neues Zeitalter)

Vielleicht ist es nur ein Missverständnis. Die Lateiner hatten noch mindestens drei Konzepte von dem, was wir mit „Glück“ bezeichnen: beatitas/beatitudo, die Glückseligkeit, wobei beatus auch begütert ist und – verstorben (insulae beatorum sind die Inseln der Glückseligkeit, Elysium); felicitas, das Gefühl des Glücks, wieder Glückseligkeit, aber eher im Kleinen, auch Fruchtbarkeit; und fortuna, Schicksal, Geschick, Zufall und etwa das Glück im Spiel. Ein wenig ahnt der Deutsche die Homonymie dieser allenfalls verwandten Begriffe. „Da hast du aber Glück gehabt“ meint unter keinen Umständen die mystische Verklärung. Bei Hans im und des Herrn Rossi Suche nach dem Glück fällt die Entscheidung deutlich schwerer. Alles schwingt ein wenig mit, und so heißt man sich schon glücklich, wenn mal was klappt oder es einem gerade nicht allzu bescheiden geht.

Diesem unterspezifierten Glücksbedarf kommt der Markt mit einer Palette von Palliativen entgegen. Medikamente, Drogen, Unterhaltungsindustrie und erotisierte Spaßnahrungsmittel bringen nicht das Glück, aber sie machen glücklich. Das klappt eine Zeit, im Ideal für immer. Irgendwann ist auch der längste Tag, das längste Leben wieder rum. Dann allerdings oder in Zweifelstunden greift man doch verschämt zur Bibel. Und wird barsch ernüchtert.

„Wahrhaftig, so sind [sie]: Immer im Glück“, sagt das Buch der Bücher von den Frevlern (Ps 73,12), und stempelt es damit verwerflich, sie „verbrauchen ihre Tage im Glück“ (Hiob 21,13). Zwar findet es mitunter auch, wer Einsicht bewahrt (Sprüche 19,8) und auf das Wort des Herrn achtet (ebd. 16,20). Der sicherste Weg ist aber offenbar ganz irdisch. „Das vollkommene Glück besteht darin, dass jemand isst und trinkt und das Glück kennen lernt durch seinen eigenen Besitz“ (Koh 5,17), ja, „es gibt für den Menschen kein Glück unter der Sonne, es sei denn, er isst und trinkt und freut sich“ (Koh 8,15). Ein Weib an der Seite kann nicht schaden (Sprüche 18,22), aber es muss noch voll im Saft sein, gilt doch: „Schlaffe Hände und zitternde Knie: eine Frau, die ihren Mann nicht glücklich macht“ (Sir 25,23).

Angesichts der verzerrten Mienen vieler Romreisender würde man von der christlichen Lehre mehr, oder: tieferes irdisches Glück erwarten, aber das war’s schon im Groben. Das Beste kommt zum Schluss, oder vielmehr danach, wenn man hienieden sonst nichts mehr vorhat. Kein Wunder also, dass das Christentum seit Anbeginn gegen Sektierer kämpfen muss, die ein nicht zu kleines Stück vom Glück schon vor den letzten Tagen der Menschheit haben möchten. Und vielleicht auch kriegen. Die heutigen religiösen Strömungen und Sekten mögen medial vor allem durch Ufo-Glaube, Selbstmorde, Attentate und krude Psychotechniken präsent sein, doch viele der Bewegten erleben zweifellos in ihrer Gruppe eine große Zeit, länger und ernster als etwa beim Bund oder den Pfadfindern. Der Preis ist freilich (hier wie dort) sehr hoch: kein Sex (oder ständig), strenge Kleidungs- und Nahrungskontrolle, Unterordnung, und: man muss dran glauben.

Der luzide gottlose Gelegenheitsdrogist tröstet sich, dass kein Alkohol auch keine Lösung sei, und arrangiert sich früher oder später mit den Schranken seiner Existenz. Vielleicht gibt es kein richtiges im falschen Leben, letztlich („seien wir ehrlich“) bleiben im milden Westen doch so manche Kuschelnischen, die alles Unglück, alle doofe Sterblichkeit für eine Zeit vergessen machen. Also warum nicht Pferde (größtes Glück der Erde) oder Modellbausätze? „Das Verlässlichste“, schreibt der große Leser und Sprachlaubsäger Arno Schmidt, „sind Naturschönheiten. Dann Bücher. Dann Braten mit Sauerkraut.“ Es lohnt sich also, zwischen Bemme und Bierchen über eben diese einmal nachzusinnen.

Wurstbude, photographiert von Michael Helming

Photo: Michael Helming

Zunächst zurück zur Bibel. An fängt es klar mit dem bekannten Apfel. Als Einführung zu Patriarchat, Misogynie und allgemeinem Menschenbild unserer Gesellschaften ist die Paradiesgeschichte zweifellos ein unerlässlicher Ideengeber; die Tatsache, dass die Frucht gegessen und nicht etwa geraucht oder anders verabreicht wurde, sollte aber nicht überbewertet werden – damals, das heißt im Garten Eden, gehörte das Rauchen oder Schniefen von Wahrheitsdrogen noch nicht zum Habitus dieser beiden späteren Intellektuellen. Einmal daraus verjagt, wird Essen plötzlich rar und köstlich. Im ganzen Alten Testament, nicht zuletzt Exodus, ist also verständlicherweise recht viel von Essen und Trinken die Rede. Anders als in der Sesamstraße („Manná Manná“) stiften vierzig Jahre Einheitsfraß, und sei er noch so göttlich, nicht gerade zum Tanzen an, da freut man sich sogar schon über Brot und Wasser, auch oder vielleicht gerade im Schweiße des eigenen Angesichts – wer nur mal eines schönen Sommertages eine Stunde seine Scholle harkte, vermag die beinah höllischen Qualen des Hungrigen und die Glückseligkeit des Essenden verstehen, auf die man in so vielen Büchern des älteren Buchs der Bücher stößt.

Im Neuen Testament ist die Nahrungsaufnahme dagegen durchweg vergeistigt. „Das Reich Gottes ist nicht [mehr] Essen und Trinken“ (Röm 14,17), ja, es tritt eine sonderbare Wendung ein: „Wer mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben“, heißt es jetzt (Joh 6,54), und das Allernatürlichste, wenn (Menschen-) Fleischkonsum denn dazu zählt, wird mit Sünde aufgeladen: „Denn wer davon ißt und trinkt, ohne zu bedenken, daß es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu, indem er ißt und trinkt“ (1 Kor 11,29). „Achtung, Baby“ (U2), Gott / das Über-Ich / Was-auch-immer sind jetzt überall, sind gekommen, um zu bleiben, scheinen in Spuren noch aus den alleratheistischsten Kinderspielplatz-Elternsprüchen: „Berühre das nicht, iß nicht davon, faß das nicht an!“ (Kol 2,21), weil man 2.000 Jahre Christentum nicht einfach abschütteln kann.

Freilich, seither bzw. weiter nordwestlich ist die Kalorienversorgung derart alltäglich, d.h. gesichert, dass es kaum nennenswerte Spruchweisheiten zum Thema gibt, mal abgesehen von der Feuerbachschen, bei Theophrastus Bombastus von Hohenheim abgeschauten Wunderformel, man sei, was man esse, und dem nicht erst seit Brecht bekannten Umstand, dass die Stillung der Grundbedürfnisse der Beschäftigung mit höheren Werten voranzugehen pflegt – ohne Mampf kein Kampf, normal. Und doch: Wie wir uns seit einiger Zeit ernähren ist weder alternativlos noch auch nur modellhaft. Übergewicht, Anorexie, Bulimie, Diätwahn, Fettabsaugung sind dem Großteil der Menschheit nur schwer zu vermitteln und im Grunde auch im „Westen“ weitgehend unverstanden. Dazu ein paar tastende Gedanken.

Wo „anales“ oder „materialistisches“ Habenwollen Motor und Daseinsgrund des Wirtschafts- und damit: Denksystems ist, können auch Essen und Trinken nicht neutral sein. In der Werbung für die allerköstlichsten Schmankerln ist von Sünde und Versuchung die Rede; sicher zuerst und vor allem, weil sie im Übermaß und ohne Gegensteuerung zur Entstellung der Figur und damit zur Senkung des Marktwerts führen, aber ein gerüttelt Maß Sodom und Gomorrha schwingt doch mit. Das Orale kommt nun mal vor dem Analen und ist per se sexuell aufgeladen, wie uns speziell die Langnese-Werbung von „Flutschfinger“ und „Calippo“ („Auf und nieder / immer wieder“) über die lasziv Milchiges lutschenden Halbwüchsigen des letzten Jahrzehnts bis hin zu den Magnum-Stengel schwenkenden Edelpornoschönen heutiger Tage zu gemahnen nicht müde wird. Die sehr viel schädlicheren „Sünden“ der Automobil- und Unterhaltungsindustrie werden dagegen eher mit sportlich-kriegerischen oder verspielt-sozialen Attributen beworben.

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Lichtwolf Nr. 32

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Dieser Text ist die gekürzte Vorschau des Beitrags „Seligkeit und Sauerkraut“ aus LW32.

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