Und die Welt zählt laut bis zehn

Bilanz nach einem Jahr im Mitmachnetz

von Georg Frost und Timotheus Schneidegger, 03.10.2010, 14:59 Uhr (Neues Zeitalter)

 

Vor einem Jahr hat die „Zeitschrift trotz Philosophie“ den Tag der deutschen Einheit genutzt, um sich langsam in das Web 2.0 zu tasten, mit den Zehen voran ins Mitmachnetz. Ein Twitter-Account wurde eingerichtet, außerdem Registrierung bei Facebook und Myspace; überall gleich mal alte Bekannte gefunden und neue Freunde gesucht.

Nach bereits 24 Stunden fühlte sich der Chef bemüßigt, über „Die Verschwarmung des Menschen“ im Internet zu räsonieren. Ein Jahr später soll heute – ganz ohne absichtlichen Tiefsinn – empirisch Bilanz gezogen werden über die Bemühungen des Lichtwolf um Lob, Anerkennung und Kohle im Social Web.

 

Soziale Netzwerke

Obschon die werte Studentenschaft Zielgruppe Numero Uno ist, hat der Lichtwolf die deutschen VZ-Netze links liegen gelassen und sich auf die beiden internationalen Sozial-Champions Facebook und Myspace konzentriert.

 

Myspace

Lichtwolfs Engagement bei Myspace ist schnell resümiert: Myspace ist unkomfortabel und braucht viel zu lange zum Laden. (Schneidegger als hauptamtlicher Web-2.0-Beauftragter hockt hinter einer ISDN-Leitung ohne Flatrate.) Den Vorzug, auf Myspace MP3s z.B. von Lesungen hochzuladen, konnte die „Zeitschrift trotz Philosophie“ bis vor wenigen Wochen gar nicht nutzen. Denn wir hatten uns als Person, nicht als Band registriert; sowas wie Zeitschriften kennt die Infrastruktur 2.0 schon gar nicht mehr. Erst als auch der catware.net Verlag ein Myspace-Profil bekommen hat – als Band freilich – konnten die ersten Geschichten von Michael Helming – gelesen vom Autoren höchstselbst – in den Player gesteckt werden. Indes zeugen die übersichtlichen Zugriffszahlen des home-made Hörbuchs wie auch der beiden gleichfalls auf Myspace verfügbaren Buchtrailer vom Interesse eines, nuja: hochexklusiven Nutzerkreises. Im Schnitt hat der Lichtwolf auf Myspace einen neuen Freund pro Monat gefunden und Dutzende von Freundschaftsanfragen abwehren müssen, die von Bands an jeden verschickt werden, der gerade bei Myspace online ist.

 

Facebook

Etwas reger waren Engagement und Interesse auf Facebook, dem Google des Mitseins, welchem knallharte Zahlen und Diagramme zum Werben des Lichtwolf um Freundschaften bzw. hier: Fans oder Gefällt-mir-Klicker abzutrotzen sind.

Lichtwolfs Entwicklung auf Facebook

Im vergangenen Jahr haben fast vier Leute pro Monat neu Gefallen am Lichtwolf gefunden. Mit 45 Fans (Stichtag: 3.10.10) hat der Lichtwolf schon fast ein Prozent der Gefolgschaft des BILDblog und über ein Prozent derer des Wochenmagazins Der Freitag. Dagegen beträgt die Zahl derer, denen der Lichtwolf gefällt, weniger als ein Promille derer, die sich auf Facebook zu bild.de bekennen.

Dies ist der Preis der Exklusivität und der gerechten hohen Ansprüche, die der Lichtwolf an seine Leser und Facebook-Freunde stellt. Die erweisen sich social gesehen als voll und ganz in Kongruenz mit der im Marketing Meeting gepitchten target audience. Oder so:

Lichtwolfs Fans, soziologisch

Obschon es leichter ist, via Facebook Neuigkeiten herauszuposaunen und die Gehirne der Freunde 2.0 mit Tweetkesselchen (siehe unten) auf Trab zu halten, stürzt sich der Lichtwolf nicht kopfüber ins dergestalt Soziale. Einmal, weil es mangels Flatrate und dicker Leitung schlicht unmöglich ist, sich länger als ein paar Minuten pro Tag bei Facebook herumzutreiben – und die Zahl der 2.0-Freundschaften scheint nunmal direkt mit der Frequenz der virtuellen Lebenszeichen zusammenzuhängen. Vielmehr sind die Vorbehalte gegenüber Facebook ziemlich groß; sie hatten im Mai dazu geführt, die Einbindung von Facebook auf lichtwolf.de auf das Nötigste herunterzufahren. Nun kriegt der FB-Leviathan zwar nicht mehr unbedingt mit, wer was auf lichtwolf.de anklickt, aber dafür lässt sich eben auch nicht mehr en passant der „Gefällt-mir“-Knopf anklicken.

Ihn mitsamt der Anzeige von Lichtwolfs Facebook-Gefolgschaft von der Seite zu schmeißen hatte (und hat) einen weiteren guten Grund, der über den Datenschutz hinausgeht und selten thematisiert wird, weil er für die das Soziale bejubelnden, gut vernetzten Internetevangelisten gar kein Problem ist: Im 2.0-Zeitalter kann jeder sehen, ob du beliebt bist oder nicht, und der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Natürlich ist es reizvoller, in der Masse der BILD- oder BILDblog-Gefolgschaft aufzugehen, als sich zusammen mit einer Handvoll Freaks durch das Bekenntnis zu einer Postille zu exponieren, die offenkundig kein Kampagnen-Potential hat.

Im alten Internet standen die Seiten noch befindlichkeitsneutral neben einander und SEO („search engine optimization“) war eine hohe Kunst. Heute muss man offline freundlich zu den Leuten sein, damit sie einen online in die buddy list aufnehmen. Thanks for not making our lives easier, Mr Zuckerberg!

 

Twitter

Wen Lichtwolf 2010 retweetet hatMit einem Retweet gibt der Lichtwolf fremde Tweets an die eigenen Follower weiter. Knapp jeder fünfte Tweet des Lichtwolf war ein Retweet, am häufigsten wurden Wortmeldungen von @derfreitag, @zweitausendeins und @fxneumann weiterverbreitet.

 

Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, alles Wichtige in unter 140 Zeichen auszudrücken, macht Twitter richtig Laune. Die Schlichtheit des Kurznachrichtendienstes kommt dem DSL-Asketen entgegen und hängt man sich als Follower an die richtigen Leute, ist die Timeline stets gefüllt mit schönen Aphorismen, knackigen Punchlines und interessanten Links ohne viel Wortstuck. Obschon dem Namen nach auf Twitter ausgelegt, findet Lichtwolfs Version des Ratespiels Teekesselchen als „Tweetkesselchen“ (Runde 1, 2 und 3) übrigens bislang nur im Kommentarbereich auf lichtwolf.de statt, nachdem die Homonymhinweise via Facebook und Twitter ausgerufen werden.

Der Lichtwolf hat sich bei Twitter in den seit der Registrierung zurückliegenden 365 Tagen 48 Follower erworben (4 pro Monat), denen er im Schnitt einen Tweet pro Tag zuführt. Die Zeitschrift trotz Philosophie gehört somit nicht gerade zu den heavy usern. Mittels TweetStats ergibt sich folgendes Bild:

Lichtwolfs Twitter-Aktivität 2010

An Lichtwolfs stetig steigender Twitteraktivität sind die dreimonatigen Zyklen schön zu erkennen, in denen eine gedruckte Ausgabe produziert und veröffentlicht wird. Gut deutsch hält sich der Lichtwolf meist an die Wochenend-Ruhe und zwitschert hauptsächlich werktags und zu christlichen Zeiten:

Lichtwolfs Tweets pro Tag 2010

Auch bei Twitter herrschen die Gesetze der sozialen Gravitation und der Interessenökonomie. Als „black SEO“ werden unlautere Tricks bezeichnet, mit denen Seiten ihre Platzierung in Suchmaschinen verbessern; ähnliches lässt sich auch bei Twitter treiben, wie Lichtwolfs „black tagging“-Experiment zeigte. Ein Tweet, der aus nichts anderem bestand als den auf Twitter angesagtesten Stichwörtern (iPad, Abnehmen, Brangelina, Sex usw.), brachte im Dezember 2009 auf einen Schlag sechs neue Follower, die mehrere Tage brauchten, ehe sie merkten, dass es bei @lichtwolf doch nicht um das geht, worum es überall sonst geht.

 

Flattr, Google Books und die Kohle

Seit Juni ist der Lichtwolf auch bei Flattr registriert. Zu Beginn sah es ganz danach aus, als bestätigten sich die Einschätzungen aus Lichtwolf Nr. 30, S. 10-14: Flattr als finanzieller Hoffnungsträger der Blogosphäre würde sich als Umwälzpumpe erweisen, durch die kleine Blogs die großen Blogs päppeln und von dem die gebührennehmenden Betreiber am meisten profitieren.

Doch die Flattr-Einnahmen von lichtwolf.de stiegen bislang stetig an:

2010-06: 1 Klick – 0,25 EUR

2010-07: 1 Klick – 0,45 EUR

2010-08: 2 Klicks – 1,03 EUR

2010-09: 2 Klicks – 2,09 EUR

Im September bekam der Lichtwolf erstmals mehr aus Flattr heraus, als er monatlich hineinsteckt: Mit 9 Cent hat die „Zeitschrift trotz Philosophie“ bei Flattr somit schon einen guten Teil dessen verdient, was der catware.net Verlag über die Anzeigen erwirtschaftet hat, von denen die Bücher von Lichtwolf-Autoren bei Google Books umzingelt sind:

Timotheus Schneidegger: Dein Leben ohne mich

…seit Januar 2010 ca. 200-mal aufgerufen, dabei wurden 3.350 Seiten angezeigt, wofür Google 0,05 $ Anzeigenerlös abdrückt.

Michael Helming: Die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart

…seit Februar 2010 ca. 50-mal aufgerufen, dabei wurden 632 Seiten angezeigt, was Reklamegeld von 0,33 $ ergab; weil in Helmings Buch viel mehr Maschinen vorkommen als in Schneideggers, war die Suchmaschine wohl spendabler.

 

Ebenfalls seit Sommer nimmt der Lichtwolf am Amazon Partnerprogramm teil, das ihm eine Beteiligung am Umsatz verspricht, den Amazon mit von lichtwolf.de kommender Kundschaft macht. Hier gab es bislang noch nichts zu holen, weil der Lichtwolf höchstens in den Printausgaben rezensiert und entsprechend selten Gelegenheit hat, seine Leser via Link zum einbrüstigen Onlinehändler zu schicken.

 

Insgesamt besteht auch weiterhin kein Grund zur Hoffnung, mit lichtwolf.de im Internet das Geld zu verdienen, das der Lichtwolf mit den gedruckten Ausgaben verliert. Geflattrt wird er von lieben Kollegen, die er wiederum ebenso flattrt; die Spenden bleiben somit halbwegs in der Familie.

Global betrachtet ist es keineswegs so, dass Flattr die publizistischen Anstrengungen belohnt, „die den meisten Aufwand mit sich bringen, besonders investigativ sind oder besonders tiefgehend“, wie das taz blog feststellt. Der monatliche Kassensturz hat der taz 1.124,69 Euro beschert, womit die Berliner Tageszeitung allein mit Flattr in einem Monat den halben Jahresumsatz der Zeitschrift Lichtwolf 2009 gemacht hat – nur um mal die Größenverhältnisse zu umreißen. Am häufigsten geflattrt wurde der taz-Artikel über eine Bäckerei und einen Kiosk in Hamburg, in denen die BILD nicht mehr verkauft wird. Offensichtlich dient der Flattr-Knopf weniger wie proklamiert dazu, Onlinepublizistik innovativ zu finanzieren, sondern wird genauso wie der „Gefällt-mir“-Knopf immer dann geklickt, wenn das Belohnungszentrum gekitzelt wird. So macht das BILDblog allein mit seiner werktäglichen Linksammlung 6-vor-9, worin der Blogosphäre ihre Verachtung der Altmedien bestätigt wird, so viele Flattr-Klicks wie ganz lichtwolf.de in vier Monaten.

 

Zugriffsstatistik

Seit dem Start an Heiligabend 2003 hat sich lichtwolf.de stetig steigender Zugriffszahlen erfreuen können, sieht man einmal ab von der lichtwolflosen Zeit 2008/09. Im zurückliegenden Jahr fiel der Anstieg besonders deutlich aus.

Zugriffsstatistik 2010

Zwischen 11/09 und 04/10 hat sich die Zahl der täglichen Besucher (unique visitors) fast verdreifacht auf seither stagnierende knapp 120 Besuche pro Tag; im Januar 2010 pumpte lichtwolf.de erstmals über 2 GB Traffic pro Monat ins Internet. Ob diese deutliche Zunahme dem Einstieg ins Web 2.0 zu verdanken ist, wird hier noch hitzig diskutiert. Denn die Zugriffsprotokolle ergeben, dass lediglich 0,03 Prozent aller Anfragen (Hits) durch Facebook- und Twitter-Verweise zustande kommen. (Andererseits könnte ja jemand, der einmal über einen Facebook-Link zum Lichtwolf gelangt ist, künftig direkt lichtwolf.de ansteuern.)

Statistisch gesehen sind es immer noch die großen Suchmaschinen, die den Surfer zu lichtwolf.de führen. Im April hatte sich Frost bereits über deren seltsame Vorlieben aufgeregt, die der bloßen Hilfeseite, auf der die 2.0-Funktionen von lichtwolf.de erklärt werden, astronomische Zugriffszahlen bescheren, weil dort die Reizwörter RSS, Twitter, Facebook usw. besonders häufig vorkommen. Ansonsten jedoch erweist sich der Lichtwolf als die erste Anlaufstelle für jeden, der sich mit philosophischem Interesse an eine Suchmaschine wendet. Nicht nur eine Suche nach „venia legendi“ führte in den letzten Monaten so manchen nach lichtwolf.de; dorthin verwiesen u.a. auch die Suchphrasen „kurzer pimmel diekmann“, „herrin verprügelt sklaven“, „sag mir wo die terroristen sind“, „Ästhetische pornografie“, „sieben wörter die man nicht im fernsehen sagen darf“ und „darf man ficken sagen“.

Bildungsauftrag erfüllt.

 

Ausblick

Durchaus möglich, dass der Einstieg ins Web 2.0 und Social Media dem Lichtwolf den kräftigen Traffic-Anstieg der letzten 365 Tage beschert hat. Ein Zusammenhang zwischen Aktivitäten im Mitmachnetz und Bestellungen im Einkaufszentrum indes kann nicht festgestellt werden. Nach wie vor steigt die Zahl der Einzelheft- und Abo-Bestellungen nur dann kurzzeitig an, wenn der Lichtwolf in einem Printmedium erwähnt wird; was in den letzten zwei Jahren aber auch nur zweimal passiert ist.

Der Kontakt mit der Leserschaft ist reger geworden, nicht zuletzt durch das Tweetkesselchen-Spiel und die internetweit einzigartige Kommentarfunktion von lichtwolf.de; neue Autoren keilt und Geschäftskontakte im weitesten Sinne pflegt der Lichtwolf aber auch weiterhin mit elektronischer oder physischer Post.

Das Mitmachnetz erweist sich als nette Spielerei, die den ohnehin Großen und Vernetzten Vorteile verschaffen mag, alle übrigen aber mit einem fetten L versieht und in ihren Außenseiterzonen unsichtbar macht. So wird das Losertum im Internet decouvriert durch niedertourige „Gefällt-mir“-, aber auch Flattr-Knöpfe sowie verwaiste Kommentarfunktionen: Jeder kann sehen, wie unbedeutend du wirklich bist in einem Internet, das inzwischen wahrscheinlich von einem Dutzend miteinander bekannten Berlinern beherrscht wird. Schöne neue Welt!

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