Gone in 60 Milliseconds

Eine menschenleere Erzählung von etwa 20 Kilotonnen zur weiträumigen Bekämpfung oberirdischer Ziele.

von Timotheus Schneidegger, 06.12.2009, 22:28 Uhr (Neues Zeitalter)

 

Wenn die Ameise ihren runden Kopf in den Nacken legen und weit hinter sich blicken könnte, sähe sie auf den 500 Meter entfernten Hinterhof einer alten Fabrik, so hoch ist sie schon geklettert. Sie arbeitet sich die Ziegelwand des Feuerwerkskörperlagers empor. Dabei hält sie gelegentlich inne und wippt mit den Antennen, als läge etwas in der Luft. Der Hinterhof ist zugewuchert und voller Schrott. Zehn Kilometer darüber ist vor wenigen Sekunden ein metallisches Objekt aus mandelförmigen Wolken gefallen. Stratocumulus Lenticularis.

 

Das Barometer im hinteren Teil der Bombe schaltet ein Relais, als es einen Anstieg des Außendrucks auf 900 Hektopascal registriert. Es sind jetzt noch 1.000 Meter bis zur Erdoberfläche. Durch das Relais fließt nun Strom in einen Kreislauf, dessen Elektronen der Reihe nach Haltung einnehmen. Als sie sich in Marsch setzen, spannen sich kleine Magnetfelder auf. Dann speien sie durch die Zündkapsel Hitze in das Schwarzpulver. Der hineingepflanzte Funke breitet sich im Sprengstoff aus, bläht ihn schlagartig zu heißem Gas auf und wird weiter getrieben. Doch er kann nicht entweichen, nur den Deckel von sich fortschleudern. Auf dessen anderer Seite befinden sich 25 Kilogramm Uran 235.

Einer der Urankerne ist gerade auseinandergebrochen, nachdem er über 700 Millionen Jahre gehalten hatte. Die Bruchstücke werden zu einem Cäsium- und Strontiumkern, aus deren Mitte zwei Neutronen in entgegengesetzte Richtungen davonflitzen. Eines durchquert eine Elektronenwolke und verfehlt den darin liegenden Urankern nur knapp. Dabei ist so viel, viel Platz in der atomaren Welt. Das Neutron saust und saust genau wie sein Zwilling durch Elektronenwolken von Milliarden verschiedener Atomkerne, ehe es zehn Minuten später in der Stratosphäre zerfallen wird.

 

Das hochradioaktive Material, dem das Neutron entsprang, befindet sich in einer mit Xenon gefüllten Halbkugel. Sie schießt mit der Kraft des stiebenden Sprengstoffs auf eine Halbkugel gleicher Art zu. Sie wurde vom Kopf der Bombe aus von einer dortigen Sprengladung beschleunigt, nachdem die umlaufenden Elektronen auch diesen Zünder erreichten. Das weiter zündende Schwarzpulver droht oben und unten aus dem Mantel der Bombe herauszuplatzen. Doch in einer Mikrosekunde gibt es nicht einmal mehr die Atome, aus denen sie besteht.

Als die Halbkugeln ineinanderstürzen, rutschen die Uranatome wie Medizinbälle aufeinander. Noch ehe die Minusladungen ihrer Elektronenhüllen sie zurückfedern lassen, brechen aus den Kernen überall Neutronen hervor, die sich exponentiell zu vervielfachen scheinen. Die Atomkerne sind angeregt, sie glühen bunt. Dem Griff ihrer magnetisch paradoxen Mikrogravitation entgleiten die Neutronen, die immer häufiger in den nächsten oder übernächsten Urankern krachen und ihn glatt durchhauen. Dabei platzen jedes Mal zwei weitere Neutronen hervor, die ihrerseits weitere Kerne knacken. Wo immer das geschieht, entfährt dem gebrochenen Kern die Energie, die die Welt im Innersten zusammenhielt. Sie ist zu groß, um bloß zu leuchten, zu leiten oder zu erhitzen. Sie lässt die Atomkernwracks ringsum sofort in einer Plasmablase aufgehen. Diese Blasen dehnen sich aus, vereinigen sich und verleiben sich auch die wenigen noch intakten Kerne rundherum ein. Dann beginnen sie, während sie vor lauter Hitze immer weiter aufgehen, sich durch den Mantel der Bombe zu fressen.

 

Die Ameise würde den ersten Lichtstrahl, der 100mal heller als das Sonnenlicht aus dem jäh brodelnden Objekt herausschießt, noch nicht ungewöhnlich finden. Die Winterluft ist rund herum von der hervorschießenden Gammastrahlung in einen dichten Nebel aus Ozon und Stickoxiden verwandelt worden. Doch die Strahlung wird den Luftmolekülen, die sie hastig an ihren Nachbarn weiterreichen, als wollten sie einen hereinbrechenden Tsunami mit Eimern ausschöpfen, rasch zu viel. Sie hat auch den Bombenmantel längst mürbe gemacht und der 80 Millionen Grad Celsius heiße Schaum aus Plasmablasen quillt überall heraus.

Trinity-Test von 1945

Trinity-Test von 1945. Im Gegensatz zur im Text geschilderten Explosion wurde die Trinity-Waffe in nur 25 m Höhe gezündet, wodurch der Feuerball den Erdboden berührte und geringere großflächige Zerstörungen verursachte. (Bild: Wikipedia)

 

Die Strahlung ist so dicht, dass sie sich noch kilometerweit mit Lichtgeschwindigkeit fortpflanzt, ehe die zahllosen Atome des Planeten Erde sie in Kollisionen abbremsen. Sie weht nahezu alle Elektronenwolken davon, was ein kurzes Magnetfeld aufspannt, in dem Blackberrys Funken sprühen. Wo die Strahlung auf ein Atom trifft, bringt sie es zum Leuchten, macht es elektrisch und jagt es aus seiner molekularen Verbindung mit anderen Atomen. In den Körperzellen der Ameisen ist nichts mehr am rechten Platz. Die Aminosäuren ihres Erbguts sind von der Strahlung zerlegt und in völlig andere Moleküle umgeschmolzen worden, desgleichen beim Gras auf dem Hinterhof: Die großen Chlorophyll-Moleküle zerbrechen unter der Strahlung wie kalbende Polargletscher. Käme es hier noch zu einer einzigen Zellteilung, es würde nichts mehr außer Geschwüren entstehen.

Doch die Strahlung hält an und wird immer stärker. Sie macht den Nebel immer dichter und die Moleküle immer seltener. Stattdessen brummt die Welt vor überelektrisierten atomaren Einzelteilen. Der Kohlenstoff in Ameise und Gras beginnt zu schwelen. Alles, was ringsum leichter war, ist längst verdampft.

 

Der Feuerball, der einen Kilometer über dem verwahrlosten Hinterhof in der knisternden Winterluft hängt, ist nun schon hausgroß. Als er heraustrat, schien er den Raum zu dehnen, und tatsächlich: Wenn Masse die Raumzeit staucht, muss schlagartig zu Energie umgewandelte Masse die Raumzeit kurzzeitig aufblähen. Im Innern des Feuerballs ist der bloße Raum elektrisch leitend geworden. Hier gibt es kein einziges ganzes Atom mehr. An seiner gleißenden Oberfläche zeichnen sich vibrierende Reißzähne einer Schockwelle ab. Sie löst sich, frisst Teilchen um Teilchen und zerlegt die Atomsplitter mit brachialer Kraft und extremer Hitze noch weiter. Die Schockwelle glitzert dunkel hinter dem undurchsichtigen Schleier elektrisierter Luft, den sie vor sich hertreibt. Mit jedem Meter, den sie sich vom anwachsenden Feuerball entfernt, kühlt die Schockwelle ab, und plötzlich, bei 3.000 Grad Celsius, bricht der Schleier weg: Die ganze Welt kann, die ganze Welt muss jetzt den gleißenden Feuerball in all seiner Pracht sehen. Denn er wächst immer langsamer und beginnt schon zu verglühen. 250 Meter wird er sich bald von dort, wo gerade noch die Bombe in der Winterluft war, als rasendes Unloch in alle Richtungen erstrecken.

 

Doch was immer es zu sehen gibt, die Ameise kann es längst nicht mehr sehen. Nachdem die Schockwelle ihren Schleier aus ionisierter Luft abgelegt hat, schlägt sie als unsichtbare Druckwelle auf dem vermüllten Hinterhof unter sich auf. Zuerst trifft ein hauchdünner Hitzesturm aus verdichteter Luft auf die Grashalme, die im Strahlenbad schlagartig verdorrt waren. Noch ehe sie in Flammen aufgehen konnten, werden sie Molekül für Molekül von der Druckwelle zermahlen. Der umherliegende Schrott wird in Sekundenbruchteilen geschmolzen, zerquetscht und pulverisiert. Meter um Meter gräbt sich die Druckwelle in den verstrahlten Erdboden, während sie ringsum die Gebäude erreicht. Die von der Strahlung zermürbten Moleküle des diesigen Fensterglases halten ihr am wenigsten statt. Der durchgeröstete Stahlbeton des alten Fabrikgebäudes wird zu Staub. Gegen die Kräfte der noch jungen Druckwelle ist selbst er machtlos. Auf der anderen Seite knallt sie in die verruste Ziegelwand, auf der die Ameise einen kleinen weißen Schatten hinterlassen hat, weil sie einen Teil der Wand mit ihrem Körper vor der Strahlung abgeschirmt hatte. Hier im Ground Zero wird auch davon nichts als radioaktiver Staub übrig bleiben. Am anderen Ende der Stadt, im Park, dort werden die Mauern und Fassaden mit den invertierten Schattenrissen stehen bleiben, weil die Druckwelle, wenn sie dort ankommt, nur noch ein starker Sturm ist, der die ringsum auflodernden Feuer ausweht oder anfacht.

 

Doch noch wühlt sie sich in den Boden. Die Erde wird einfach weggeschmolzen und immer weiter in alle Richtungen davongeschleudert, bis sich die Druckwelle im Krater genug verausgabt hat. Ruckartig wendet sie sich ab und breitet sich dorthin aus, wo ihr weniger Widerstand entgegengesetzt wird. Und tatsächlich: Überall ist ringsum im gleißenden Licht des aufsteigenden Feuerballs Platz gemacht worden. Die seitlichen Ausläufer haben aufgeräumt, kein Schrott, kein Gebäude, keine Ameise steht dem Teil der Druckwelle mehr im Weg, der von der Erdoberfläche abprallt. Gut, dass hier nichts mehr ist, was Ohren hat, denn sonst müsste es zwei Mal einen Knall über sich ergehen lassen, der nicht das Trommelfell, sondern jede einzelne Zelle platzen ließe. Die Druckwelle bricht aus ihrem Krater heraus und folgt ihren Ausläufern. Sie hat sie bald eingeholt, weil sie eine lichterloh brennende Straßenzeile nach der anderen umpflügen müssen. Nach oben davonzustreben ist für sie das Leichteste: Hier rauscht die Druckwelle durch den Feuerball, den sie weiter abkühlt und bei seinem Aufstieg in die Höhe unterstützt.

Die seitlichen Ausläufer der Druckwelle verlieren mit jedem Meter an Kraft. Dennoch wälzen sie sich unnachgiebig durch den Stadtkern wie Mähdrescher aus Hitze, Überdruck und mit Schallgeschwindigkeit umherwirbelnden Trümmern. Als die abgeprallte innere Welle ihre Ausläufer einholt, machen sie einen Satz nach vorne. Sie vereinigen ihre Kräfte im Mach-Effekt und wühlen sich weiter, immer weiter. Am Ende wird die Druckwelle, dann längst nur noch dumpfer Schall, um den ganzen Erdball gelaufen sein und hier wieder ankommen.

 

Hinter der Wellenfront entzünden sich zerfetzte Tankstellen und geplatzte Gasleitungen in einem radioaktiv-tropischen Klima. Die Welt ist hier wie unter einer Käseglocke: leer, still und warm, gekrönt und bestrahlt vom gen Himmel steigenden Feuerball. Trümmerstücke, die der Druckwelle hinterherpurzelten, halten nun inne. Der Feuerball hebt immer weiter vom Boden ab und zieht das Gas unter sich mit in die Höhe. Dieses wiederum zerrt zunehmend stürmisch an dem, was am Boden noch übrig ist. Zunächst ist es nur radioaktiver Staub, aufgewühlte Erde und pulverisierte Stadt, die zum Feuerball emporgesogen wird, ihn immer weiter ausdehnt und damit abkühlt. Brände und Explosionen flackern immer wieder in seinem Innern auf, in dem Asche und Trümmer kilometerweit in die Atmosphäre getragen werden. Der Pilz wächst und wächst zum Himmel und grüßt weithin seine aufblühenden Gefährten und die vielen anderen metallischen Objekte, die aus mandelförmigen Wolken fallen. Stratocumulus Lenticularis.

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Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Gone in 60 Milliseconds“ aus LW28.

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