Das Recht, ernst genommen zu werden

Zuerst ein Vorurteil: Die G8-Gegner mögen vielleicht Idioten sein, aber immerhin kämpfen sie für eine gerechte Sache, und das ist löblich.

von J******* F******, 10.06.2007, 12:07 Uhr (Freiburger Zeitalter)

 

Falsch!

 

Massendemonstrationen (wenn nun nicht gerade von NPD oder Islamisten) haben im öffentlichen Bewusstsein seit Jahrzehnten einen Sympathiebonus sui generis. Dazu gehört, dass jede neue Schülergeneration mit dem Lamento über die „entpolitisierten Jugend“ tyrannisiert worden ist. Wo immer sich eine Horde engagierter Menschen zusammenrottet, um im Chor ihre Parolen (gegen Nazis und Hühnerbatterien, für Frieden und Vollkornbrot) in die Straßen zu schreien, da klatschen die geschwätzigen Volkspädagogen ihre Hände zusammen und jauchzen: „Hurra!“ Auffällig bei solchen Happenings sind vor allem die Selektivität der Themenwahl und die Uniformität der Meinungen. Obwohl man sich für ausgesprochen unbequem und nonkonformistisch hält, wählt man als Aphrodisiakum der Wut ausschließlich Konsensthemen: Mehr Geld für Afrika, Nazis raus, rettet die Erde, etc.

 

Das sieht gut aus, ist aber nicht gut, sondern dämlich und traurig, vielleicht sogar gefährlich. Ich gehe mit Kollegen Neander zwar d’accord, was seine Einschätzung der linken Diskussionskultur angeht. „Humorfrei und beständig unter den Auspizien heiligsten Zorns“ ist gut gegeben und charakterisiert Denken und Handeln dieser Menschen treffend; der Versuch, die Proteste über eine positive „Bilanz der Inhaltsdimension“ zu retten, geht aber – meiner Meinung nach – ins Leere.

 

Es stellt sich die Frage, ob die Art und Weise (kurz der Stil) in der bestimmte Inhalte vorgetragen werden, diese Inhalte tangieren. Tatsächlich bewirkt die Verhaltensweise der G8-Gegener, dass sie ihr Recht darauf, ernst genommen zu werden, verspielt haben. Ihre Ziele mögen in den Augen der Gesellschaft sympathisch erscheinen. Wer wäre nicht gegen Armut und die Zerstörung der Natur? Allein, wie sie ihren Protest artikulieren – größtenteils offensichtlich unreflektiert, dazu proportional wutschnaubend und selbstüberzeugt – zeigt, dass es ihnen weniger um die Inhalte an sich geht. Vielmehr ist es ihr (unbewusstes, bewusstes? auf jeden Fall geheimes) Hauptanliegen, diese Inhalte überhaupt zu artikulieren und zwar wirksam, d.h. selbstbezogen. Es geht darum einen bestimmten Gestus einzunehmen; die Inhalte sind ihnen zweitrangige Vehikel, die dazu dienen, ihre Lust auf Empörung mehr oder weniger gewalttätig auszuleben. Bezeichnend, wie diese Linke auch intellektuell auf den Hund gekommen ist: Kein Adorno, kein Horckheimer und Marcuse mehr, der ihrer Raserei ein Feigenblatt aus Theorie erschreiben könnte. Stattdessen drei mediokre Musiker (Bono, Grönemeyer, Geldof), die den Protest wie ein geruhsames Samstagabend-Hobby betreiben.

 

Vor allem Geldof ist ein wunderbares Beispiel für einen G8-Gegener, der aus primär persönlichen Gründen ständig den erhobenen Zeigefinger schwingt. Als Musiker wäre er schon längst in der Versenkung verschwunden, wenn er nicht mit seinen Live-Aid-Konzerten Furore gemacht hätte. Auf einer für 12000 Menschen konzipierten Veranstaltung in Mailand wollten ihn gerade mal 45 Zuschauer sehen. Und ein ähnliches Beispiel ist der Ex-Vizepräsident der USA Al Gore, der es geschafft hat, nach der Niederlage gegen Gorge Bush mit seinem durch und durch niederträchtigen Film An Inconvenient Truth noch einmal richtig abzuräumen. Zwei gescheiterte Existenzen, die ihr Comeback mit der Hilfe einer Feelgood-Protestkultur inszeniert haben, zwei Prototypen! Ihr Protest mag gut gemeint sein, ist aber – und da kann auch Kant nichts mehr retten – zutiefst selbstbezogen und unehrlich – und deshalb illegitim.

 

Diese Art der Argumentation mag sich „perfide“ausnehmen. Der respektvolle Dialog ist immer noch die Heilige Kuh des Grünen Zeitgeistes. Satisfaktionsfähig hat in diesem Sinne jeder Quatsch zu sein. Gesprächsverweigerung kommt einem Verbrechen gleich. Wenn aber Zehntausende von ihrer eigenen Großartigkeit entusiasmierte brüllend durch die Straßen paradieren, dann ist das geistige Niveau auf einen Tiefpunkt gesunken und findet seinen Ausdruck allein im Bodensatz der Sprache: in der Parole. Wenn die G8-Gegener jemals satisfaktionsfähige Anliegen gehabt haben, dann sind diese längst im Wind den diese Menschen darum gemacht haben, verflogen.

 

Dabei kann man nicht bestreiten, dass sie erfolglos wären. Aber gerade das Agenda Setting, das sie betreiben (und angesichts der plötzlich ausbrechenden Afrikaliebe und Klimahysterie unter den Politikern offenbar auch noch erfolgreich) gibt dem Ganzen eine fatale Komponente. Politik wird heute wie alles andere rezeptionsorientiert betrieben. Wenn ein Mob aufgebrachter Wähler plötzlich „Mehr Geld für Afrika“ und „Tod den Klimaleugnern“ brüllt, dann werden sich diejenigen, die gewählt werden wollen an diese neue Mentalität anpassen. Die Form des Agenda Setting bestimmt jedoch nicht nur die Inhalte, die in die Politik getragen werden sollen, sondern auch die Art und Weise, mit der man sich dort dann mit diesen Inhalten auseinandersetzt. Stupide wird mehr Geld für Afrika gefordert, und mehr Geld wir auch versprochen. Dabei gibt es zahlreiche Stimmen in den betroffenen Ländern, die sagen, dass solche Zahlungen sinnlos, vielleicht sogar gefährlich sind. Massenproteste werden als Ausdruck einer besonders ausgeprägten Demokratiefähigkeit wahrgenommen, und sie sind berechtigt. Menschen haben die Freiheit, in der Masse zu demonstrieren, aber diese Freiheit schützt sie nicht davor kritisiert zu werden. Man hat ja vor allem immer die Freiheit sich zu blamieren und davon haben die G8-Gegener kräftigen Gebrauch gemacht.

 

Schwierig wird es nur, wenn der Gebrauch bestimmter Freiheiten die Gemeinschaft und damit die Freiheit aller zu gefährden beginnt. Dazu wiederum Kant: „In diesen Zustand des Zwanges zu treten, zwingt den sonst für ungebundene Freiheit so sehr eingenommenen Menschen die Not; und zwar die größte unter allen, nämlich die, welche sich Menschen unter einander selbst zufügen, deren Neigungen es machen, daß sie in wilder Freiheit nicht lange neben einander bestehen können.“ Die Randalierer sind dieser „wilden Freiheit“ gefolgt und mussten zum Wohle aller eingeschränkt werden. Der Zaun um Heiligendamm schützt nicht nur die Teilnehmer des Gipfels, sonder auch die Bevölkerung. Kollege Neander schreibt: „Wo der Staat seine Rechtsstaatlichkeit vergißt – ist es da so überraschend, daß seine Bürger die ihre vergessen?“ Aber der Staat hat seine Rechtstaatlichkeit nicht vergessen, sondern vielmehr verteidigt gegen jene, die selbstvergessen das Recht auf. Demonstrations- und Meinungsfreiheit mit dem Recht auf Vandalismus verwechselt haben. Er handelt gerade dann souverän, wenn es ihm gelingt, die Freiheit aller zu schützen und frevelt gerade dann gegen diese Freiheit, wenn er, einer falschen Rücksichtnahme folgend, jene gewähren lässt, die einen Dreck auf diese Freiheit geben.

 


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