Technischer Rückschritt

von Ro Haben, 06.04.2007, 16:42 Uhr (Freiburger Zeitalter)

 

Der Russe hockt auf seinem Gas, der Ali auf dem Öl und der Grüne vor dem Atomkraftwerk – höchste Zeit, sich gesamtlebensweltlich von energieaufwendigem Technikfirlefanz zu trennen. Die erreichte Unabhängigkeit lässt Sie nicht nur ruhiger schlafen und Tankstellen achselzuckend passieren, sie birgt auch einen höheren Grad an alltäglicher Eigentlichkeit.

Der Fachmann dafür, Heidegger (die Engel mögen seine Füße mit Blumen laben), beklagte bereits, wie uns das eigentliche Verhältnis zu etwas so eigentlichem wie der Zeit abhanden gekommen ist. Denn im Alltag ist die Zeit für uns nur das, was laut Armbanduhr bis zum nächsten Termin übrig ist. Früher, vorm Krieg, weste der Mensch noch total eigentlich in der Zeit herum, in den Jahreszeiten, dem Wechsel von Tag und Nacht, bzw. Ebbe und Flut. Heute kennen wir Zeit nur noch durch die Schwingung eines Caesium-Isotyps im Braunschweiger Funkuhrenturmkeller.

 

Ähnlich verhält es sich längst mit der Temperatur. Wir sind sogar schon soweit, uns die Kachelmannsche »gefühlte Temperatur« vom Wetterbericht mitteilen zu lassen, um bloß das Frieren nicht zu vergessen in der Hektik des Besorgens! Doch auch hier ist der technische Rückschritt und die Kehre hin zur Bodenständigkeit als im Boden der Eigentlichkeit Stehen möglich. Alles was Sie dafür brauchen ist eine Katze und, zur Kontrolle sowie weil er auch sonst recht praktisch ist, einen Mann.

Wenn Sie ohne entfremdenden Technikscheißdreck (das Ge-Stell) wissen wollen, wie die Temperatur ist, muß Ihre Katze schlafen oder ruhen (kein Problem: Damit ist sie 16 Stunden pro Tag »beschäftigt«) und Ihr Mann sollte unterhalb des Bauchnabels unbekleidet sein.

An der Körperhaltung der dösenden Mieze können sie die Temperatur ablesen: Liegt das Tier zu einem Ball zusammengerollt da, ist es sehr kalt; hat die Mieze sich dagegen lang gemacht und streckt alle Viere von sich, dann ist es sehr warm. Die so erfolgte Vorbestimmung der eigentlichen Temperatur lässt sich durch einen prüfenden Blick auf den unbekleideten Mann verifizieren. Das Skrotum (der Sack) aller Säugetiermännchen hat die Funktion, die Hoden zwei bis fünf Grad Celsius unterhalb der Körpertemperatur von 36,5 Grad Celsius zu halten. Diese Temperatur ist optimal für die Produktion und Konservierung von Spermien. Die Hodentemperatur wird dadurch geregelt, daß sich der Hodensack bei Kälte zusammenzieht (wodurch die Hoden näher an den Körper gezogen werden und sich die Abstrahlfläche für die Körperwärme verkleinert) und bei Wärme entspannt, wodurch die Hoden weiter weg vom Körper gelangen, die Abstrahlfläche ergo vergrößert wird. Der Sack kann also auf gleiche Weise wie die schlafende Muschi zur Temperaturmessung herangezogen werden: Klein, hart und mit Gänsehaut heißt: Es ist sehr kalt. Herabbaumelnd wie ein warmwassergetränkter Jutebeutel mit zwei Kokosnüssen darin heißt: Es ist sehr heiß.

Wichtig: Bitte fassen Sie weder Katze noch Mann während der Temperaturbestimmung an; der Eingriff könnte das Meßergebnis verfälschen – wie in der Quantenphysik. Welche technischen Geräte übrigens durch geschickte Einsatz der Füße überflüssig werden, steht im nächsten Heft. (Vielleicht.)


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Technischer Rückschritt“ aus LW23.


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