Rigor Mortis (Teil 2)

von Nasicus, 01.08.2006, 19:40 Uhr (Freiburger Zeitalter)

Eine blasse Faust, in der mehrere winzige Splitter steckten, ragte zwischen den Überresten von zwei zertrümmerten Brettern hervor. Ihre Finger streckten sich kurz, dann begann sie, auf dem Deckel umher zu tasten, bis sie den Verschluss des Sargs zu fassen bekam.

„Ah!“ machte der Trauernde und presste sich an die Lochwand, einen Arm vor dem Gesicht erhoben. „Ah!“

Die Hand zog an dem Riegel und öffnete ihn. Einen Moment später wurde der Deckel auch schon zur Seite geschlagen und der Leichnam dahinter aufgedeckt.

Der Tote ließ ein Grollen hören, als er sich langsam aufsetzte und erst auf die dunklen Wolken über ihm, dann auf den Narren am Rand des Grabes und zuletzt auf den zitternden Trauernden neben ihm starrte.

Er trug einen schwarzen Frack, in dessen Brusttasche eine lilane Blüte steckte, und man hatte ihm die Haare mit reichlich glänzender Pomade nach hinten drapiert, so dass die eingedrückte und nur grob vernähte Wunde gut sichtbar war – genau da, wo der Stein seine Schädeldecke zerbrochen hatte.

Seine Haut war blass, an den Schläfen und auf den Handrücken konnte man die einzelnen Venen erkennen. Mehrere blaue Flecken waren im Gesicht und am Hals sichtbar.

„Gebt ihr hier auch irgendwann einmal Ruhe, ja? Wäre das möglich?“ keifte der Tote, wobei er sich in seinem Sarg aufstellte. „Was soll der ganze Dreck hier eigentlich? Hä?“ Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und schwankte noch leicht, während er sich langsam und mit zusammengekniffenen Augen von links nach rechts und wieder zurück drehte. „Na? Erklärt mir das eine von euch Figuren?“

Sowohl die Trauernden als auch der Narr bewegten sich mit bebenden Gliedmaßen und offenen Mündern einige Schritte zurück. Die Augenlider des einen Mannes, der ins Grab gefallen war, flatterten wie die Flügel eines aufgescheuchten Huhns, als er den Toten ansah, dann kauerte er sich zusammen und begann zu wimmern.

„Nicht nur, dass ich die ganze Zeit über euer Gejammer ertragen musste!“ redete der Leichnam – erregt, wie er war – weiter „Nein! Kaum sind wir hier, macht ihr nur noch mehr Krach! Ich will meine Ruhe! Jetzt!“

Sein Kopf fuhr zu dem Narren herum.

„Aber du bleibst noch da, Kleiner! Verstanden?“ sagte er leiser, bedrohlicher.

Kaum hatte er ausgesprochen, da rafften die Vermummten schon ihre Kutten zusammen und begannen zu rennen – immer wieder stolpernd und um Hilfe rufend. Ihr gefallener Kollege grub seine Finger immer wieder hektisch in die Erde an der Wand des Lochs, bis es ihm endlich gelang, seinen Körper nach oben zu wuchten. Seine Kutte verfing sich fast an einem der Grabsteine, als er sich beeilte, zu den Flüchtenden aufzuschließen.

Der Narr blieb alleine am Grab zurück, zu ängstlich, um sich dem Befehl des Toten zu widersetzen. Sein Mund und seine Augen waren weit geöffnet, seine Lippen bewegten sich wie in Krämpfen.

Ein einzelner kühler Schweißtropfen bildete sich neben seiner rechten Braue und rann ihm bis auf die Wange hinunter.

„Na, Kleiner, und jetzt?“ Der Tote hatte einen Schritt nach vorne gemacht und sich mit den Unterarmen auf den Rand des Grabes gestützt. Zur Überraschung des Narren grinste er. Hinter seinen zurückgezogenen Lippen zeigten sich gelbliche Kiefer und blutleeres Zahnfleisch.

„Brauchst keine Angst zu haben.“ versicherte er dem Narren. Mit einer gelangweilten oder einfach nur müden Bewegung drehte er seinen Hals ein wenig, blickte über den Friedhof mit seinen Steinen und dem toten Gras, und hob die Mundwinkel. „Man konnte schon gut über mich lachen, oder?“ sagte er leise „Zu Lebzeiten. So… ab und zu?“

„Dauernd…“ Der Tonfall des Narren drückte beinahe wieder seine alte überhebliche Fröhlichkeit aus – nur mit einem leichten Anflug von Unsicherheit, vielleicht. „Eigentlich… dauernd.“

„Hab’ mich gewaltig zum Affen gemacht…“

„Ja… ja, denke schon.“

„Du hättest erzählen können, wie ich mal in der Bar meine Hosen runtergelassen hab und dann halb nackt durch den Park gerannt bin… Mittags. War viel lustiger als die Polizistin. Und es gibt noch Fotos davon.“

„Ich wurde wohl vorher unterbrochen“

Der Narr machte einen vorsichtigen Schritt auf das Grab zu, dann ließ er sich nieder und spielte mit den Fingern an einem der Grashalme.

Der Tote fuhr mit den Fingerspitzen durch die aufgeschichtete Erde neben dem Lochrand und hinterließ kleine Furchen darin.

„Du kanntest mich. Ich war… verdammt komisch…“

Der Narr seufzte. „Warst du…“

Der Tote drehte sich um, als er plötzlich ein Schluchzen hörte. Er sah den Narren im Gras sitzen, mit Tränen in den Augen. Der Rücken des kleinen Mannes bewegte sich mit jedem Schniefen auf und ab.

Hinter ihm konnte man die hohen Gebäudekomplexe der Stadt als schwarze Schatten vor dem Himmel erkennen, in denen nach und nach immer mehr kleine Lichter aufflammten. Es wurde langsam dunkel. Die Wolken bildeten ganz im Westen eine fast geschlossene glatte Fläche, an deren unterem Ende man ein paar rote Streifen sehen konnte, genau dort, wo gerade die Sonne unterging.

„Wollte warten, bis die Kutten weg sind.“ meinte der Narr.

„Wir haben alle unseren Stil.“ sagte der Tote.

Einen Augenblick lang blickte er an seinem eigenen Körper hinunter, bis zu den glänzenden schwarzen Schuhen, die an den Spitzen schon ganz mit Erde beschmiert waren.

„Ein Frack…“ brummte er „Die haben mich tatsächlich in einen verdammten Frack gesteckt. So was hab’ ich nie getragen. Bin keiner, der sich in einen Frack steckt. War’s nicht. Und jetzt…“

„Es ist wahrscheinlich ein guter Witz…“

„Kann sein.“ Der Tote streckte sich. Danach setzte er sich wieder in den Sarg und wischte sich mit beiden Händen etwas Schmutz von den Schuhen. „Aber ich glaube, ich würd’ jetzt doch ganz gerne allein sein.“

Auch der Narr stand auf. „Was… machst du jetzt?“ fragte er.

„Jetzt? Jetzt gedenke ich, mich in meinen Sarg zu legen und einzuschlafen. Und ich werd’ nie mehr aufwachen. Nirgendwo. Wenn ich ehrlich sein soll, dann glaub’ ich, ich hab’ wirklich lange genug gelebt.“

„Na dann…“ Der Narr hob eine Hand zu einem vorsichtigen Gruß.

Der Tote ließ sich auf die bestickten weißen Kissen sinken, die man ihm in den Sarg gelegt hatte, und rutschte so lange auf ihnen hin und her, bis er einigermaßen bequem liegen konnte.

Er schloss die Augen. All die kleinen Linien und Falten in seinen Gesichtszügen entspannten sich langsam. „Und du? Was machst du jetzt, Kleiner?“

„Ich?“ Der Narr hatte dem Grab schon halb den Rücken zugedreht. „Ich denke, ich geh’ runter in die Stadt und betrink’ mich.“

„Aha.“

„Aha?“ Der Narr hob eine Augenbraue. „Das ist alles? Keine Belehrungen? Keine Warnung? Du weißt schon: Dass ich so wie du enden könnte?“

Der Tote legte die Finger um den Sargdeckel und zog ihn langsam zu. „Nein. Ich bin tot, oder? Das geht mich alles nichts mehr an. Ich spiel’ nicht mehr mit.“

Mit einem Klacken schloss sich der Sarg. Der Narr konnte die Stimme des Toten immer noch durch das Loch im Deckel hören: „Von mir aus könnt ihr jetzt alle machen, was ihr wollt.“

Der Narr ging weg. Trockene Halme raschelten zu seinen Schritten.

Er lachte noch auf dem ganzen Rückweg.

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