Kastor und Pollux

Kastor und Pollux sind ein Zwillingspärchen, das, täglich zwischen Olymp und Hades tingelnd, die liebe, lange Ewigkeit nichts besseres zu tun hat, als sich auf dem Weg Gedanken über den Menschen zu machen und sich – wie im vorliegenden Fall – über Grundsätzliches zu streiten, da sie so gut wie nie einer Meinung sind.

von Szandor, 01.07.2005, 20:03 Uhr (Freiburger Zeitalter)

 

Kastor: Waren wir nicht beim Lieben? Jener Sache, die nach altem Brauch über allen Trieben thront und inmitten unter uns wohnt.

 

Pollux: Ja, ich entsinne mich, ’s ist schon lange her und mittlerweile weiß ich sehr viel mehr: Denn nicht die Liebe ists, die schafft, allein der Krieg hat jene Macht, alles zu zerstören, alle Sinne zu betören und in wilder Tat das zu schaffen vermag, was der Liebe ewig fremd: Neues, das noch niemand kennt. Denn die Liebe schafft nichts Neues. Ihr Sinn ist zu bewahren, nichts läßt sie fahren: Sie will alles halten, nichts Neues gestalten und möglichst über allem walten, das sich ändern will.

Das ist nicht des Krieges Ziel. Er, der hehrste Streiter aller Zeiten weiß von weitem, das die Zukunft droht: Daß da ist die Not, Altes fahren zu lassen und Neues zu erfassen.

 

Kastor: Versteh ich recht? Ist die Liebe denn so schlecht, daß Du mit gift’ger Galle und lautem Trompetenschalle hier dem Krieg zur Seite stehst?

Daß Du den Krieg anflehst, das hätt‘ ich mir denken sollen: Nichts ist in Deinem Wollen als stets an Dich zu raffen, was andere für sich geschaffen. Du willst alles haben, mißbrauchst all Deine Gaben und deswegen zollst Du dem Krieg Tribut –

Pollux sei auf der Hut! Unterschätze Du die Liebe nicht, die mit größerem Gewicht als alles sonst, den Krieg herniederdrückt, so sie nur will!

 

Pollux: Das ist mir zu viel! Daß ich nicht lache – was gibt es schöneres als kriegslüsterne Rache, den Gegner, der mich verschmäht, dorthin zu bringen, daß er untergeht. Ich lache über die Liebe und gleich setzt es Hiebe, damit Du erkennst, was es mit der kriegerischen Tat tatsächlich auf sich hat.

 

Kastor: Mach Dich nicht lächerlich: Du weißt genauso gut wie ich, daß ohne Liebe nichts bestünde: Allein unser Dasein kündet von der Liebe derer,

die uns schufen: Wie kannst Du nur der Liebe widerrufen? Du hast doch Idas erschlagen, war die Tat denn nicht ein Klagen über meinen Tod? Gebot Dir nicht die Not der Liebe, meinen Tod zu rächen?

 

Pollux: Oh, Kastor, meine Stärken legst Du aus als Schwächen! Als ob ich jemals um der Liebe willen würde rächen. Ich rächte, weil ich wollte, nicht weil ich sollte, ich rächte, weil es mich freute, nicht weil Dein Tod mich reute, ich rächte, um der Rache selber willen, um meinen Blutdurst, meine Mordlust zu stillen. Und habe ich nicht gut daran getan?

Laß ab von Deinem Wahn, daß die Liebe stärker sei als Krieg.

Die Liebe hat nur ein Gesicht, der Krieg jedoch hat viele: Die Liebe kennt nur einen Grund, der Krieg jedoch kennt Ziele: Macht und Intrigen, Bigotterie und Lügen – Schachmatt in nur dreizehn Zügen, das ist, was der Krieg vermag und weswegen die Liebe ihm schon immer unterlag.

 

Kastor: Pollux, Du bist nicht mehr zu retten: Legte der Göttervater deinen Mundwerk nur in Ketten, so hätte ich Ruhe für alle Zeit – und dennoch, merk auf: Mit Deiner Rede kommst Du nicht weit.

Irak, Iran und auch Chinesen: Am Krieg ist keiner noch genesen. Schau Dir doch den Bush mal an, diesen kleinen Hampelmann, der meint, daß der Krieg den Frieden brächte – Darüber lachen doch alle Weltenmächte! Würden alle Menschen ausnahmslos sich lieben, was bräuchten wir uns noch bekriegen, uns verletzen, uns an andrer Menschen Leid ergetzen?

 

Pollux: War es nicht die Liebe zum Frieden, der ganz verschiedenen Kriegen einen Grund gab zu werden? War es nicht die Liebe zum Frieden, die Soldaten einen Grund gab, zu sterben? Und Du willst immer noch für die Liebe werben? Ich bin Deinen Optimismus leid, wenn es darum geht, die Menschenheit von jedem Übel freizumachen.

 

Kastor: So stehts auch bei Dir: Über Deinen Pessimismus kann ich nur lachen, glaube mir. Doch der Klügere gibt nach und außerdem ist es Zeit:

Der Weg zum Hades ist noch weit.


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Kastor und Pollux“ aus LW16.

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