Vorzeitiger Erguß

Emmanuel Faye stellt fest: Heidegger war ein Nazi.

von Timotheus Schneidegger, 17.06.2005, 19:50 Uhr (Freiburger Zeitalter)

Halt, Stop, Monsieur Faye! Sind Sie nicht ein bißchen zu früh dran? Heidegger wird doch erst 2007 wieder an die Oberfläche des feuilletonistischen Sumpfdiskurses geschwemmt (nämlich zum 80. Geburtstag von „Sein & Zeit“). Und da versuchen Sie jetzt schon, das Bild von Heideggers nationalsozialistischem Engagement zu revidieren? Oder halten Sie Deutschland für dermaßen lahmarschig, daß es zwei Jahre braucht, bis sich Apologeten und Kritiker zu einem seinsgeschichtlichen Armageddon, das von Ihrem Buch ausgerufen werden soll, auf dem Todtnauberg einfinden? „In Paris rauscht es heftig im Blätterwald, Deutschland steht ein Sturm bevor“, berichtet Kurt Flasch in der SZ vom 14.06. (S.16) und findet, nach der Lektüre von Fayes 574 Seiten-Schwarte „Heidegger, l’introduction du nazisme dans la philosophie“: „Alles ist neu zu machen.“

Nicht an dem Buch, sondern an dem Aberglauben, Heideggers „politischer Irrtum“ (Heidegger) beträfe bloß seine Person und habe nichts mit seinem Gedenke zu tun. Wie man’s nimmt. Faye und Flasch tun so, als wären erst vorgestern die Aufzeichnungen von Karl Löwith aufgetaucht. In ihnen nämlich berichtet der (ehemalige weil jüdische) Heidegger-Schüler, der olle Fundamentalontologe habe ihm bei einem Treffen 1936 in Rom (Heidegger trug da immer noch das Parteiabzeichen am Revers, so viel zur „Kehre“ (kleiner Insiderwitz für Fachleute) von 1934) völlig darin zugestimmt, daß sein „politischer Einsatz“ im Wesen seiner Philosophie begründet liegt. Nicht ganz neu also, was Monsieur Faye behauptet, aber dafür scheint das ganze mit wesentlich mehr Textmaterial als nur dem einen Löwithzitat belegt zu sein; und auf die von Faye abgedruckten Aufzeichnungen aus Heideggers Seminaren von 33 bis 36, die in der Gesamtausgabe höflich verschwiegen werden, darf man gespannt sein.

Wenn man interessiert ist.

Der große Bumm, den Flasch prophezeit, wird jedenfalls in Deutschland ausbleiben (in Frankreich gibt es ja noch einiges zu tun in Sachen De-Heideggerianisierung) – das Man weiß schließlich, daß Heidegger in der NSDAP ergo Nazi war, und was die „Geschichtlichkeit“ und „Bodenständigkeit“ damit zu tun haben, ist dem Man sowieso wurscht. Aber man muß heutzutage ja schon ein wenig an den Bäumen rütteln, um ein Rauschen im Wald vorzeigen zu können, mit dem sich Bücher verkaufen lassen, was?

Das Ge-Rausche über Fayes Buch in Frankreich:

http://parolesdesjours.free.fr/scandale.htm (auf frz.)

Überblick über bisherige Heidegger-Debatten:

http://www.jungewelt.de/2005/05-27/025.php

Schreiben Sie einen Kommentar