Die Botschaft

von Fiete Fatmoaker, 01.10.2004, 18:21 Uhr (Freiburger Zeitalter)

 

Neulich schwoff mein Blick über meine Bücher und ich erschrak. Nicht, daß da so unglaubliche Mengen zum Schweifen da wären, aber immerhin eine nette Sammlung, in deren Zusammenstellung ich einen Haufen Zeit gesteckt habe.

Nun war es so, daß ich kurz vor meinem Blick Wittgenstein gelesen hatte. Nicht über, sondern von. Für einen Moment nahm ich ihn ernst, wie man es mit allen Autoren machen soll, und wie jeder, der Wittgenstein ernst nimmt, wollte ich nicht bloß Spiele mit heißer Luft machen, sondern unbedingt etwas Welt in die Finger kriegen.

Bezeichnenderweise dachte ich dabei an Bücher und bezeichnenderweise fand ich unter den meinen keines, das auch nur einen Hauch von Welt in sich gehabt hätte. Dafür sind Bücher prinzipiell nicht geeignet und es ist ein wenig absurd, es von ihnen zu verlangen. Aber das Maß, in dem die meinen das Ziel verfehlten, war es, was mich so erschreckte. Keine Bäume, keine Eichhörnchen, nicht einmal blöde Steine. Nur Schreiber, die das Wesentliche schreiben. Bei dem ganzen Geschreibe vom Wesen und Gewesenen kam die Welt, so unwesentlich, wie sie nun einmal ist, gar nicht vor.

Dieses Kummers wegen hatte ich mir inzwischen erhebliche Mengen goldenen Gerstensaftes eingeflößt, die mich dazu befähigten, diesbezügliche verwickelte Gedanken mit einer Plausibilität auszudrücken, die sich im nüchternen Zustand nur schwer rekonstruieren lässt. Entfachten Sinnes griff ich zum Faust, weil doch die Klassiker alles schon einmal vorerlebt haben und wir unsere Maßstäbe aus ihnen beziehen. Wenn schon, dann war hier Rettung zu finden. Zufällig schlug ich in diesem eminenten Werk die Szene in der „Hexenküche“ auf und las. Doch das Hexeneinmaleins erschien mir wie eine Verspottung aller Hermeneutik: Der Olympier dreht dem apollinisch gesinnten Dionysus eine Nase.

Um kantische „Vermittlung“ des Schmerzes dieser Erfahrung bemüht, blätterte ich den Schopenhauer auf und blieb auf der ersten Seite hängen. Er sagt, wer sein Buch von achthundert Seiten versteht, der sieht, daß es auch nur ein Gedanke ist und nicht eine Vielzahl von üppigen Landschaften, in denen zu wandeln das Leben bereichern könnte. Eine Leiter, die unsinnig wird, wenn man darüber hinweg ist?

Ich hastete weiter zum Kierkegaard, Sokrates und Jesus. Wer die Wahrheit des Atheners kennt, der braucht ihn selbst nicht mehr dazu. Seine Botschaft macht den Botschafter überflüssig. Die Botschaft Christi ist Gott und darum Jesus selbst und deshalb wird der Botschafter zur Botschaft.

Heruntergeschrumpft auf meine Verhältnisse würde diese Weisheit so lauten: Entweder ist die Philosophie wie Sokrates und wird überflüssig, ja geradezu unsinnig, wenn man sie verstanden hat; oder sie ist wie der Nazarener, dann ist die Botschaft der Philosophie die Philosophie. Sie bedeutet dann nichts außerhalb ihrer selbst. Ich stelle mir den Zeitungsleser vor, der morgens sein Tageblatt aufschlägt und darin nur Berichte darüber findet, wie die vorliegende Zeitung hergestellt wurde.

Erschöpft und doch befriedigt sank ich zurück, denn endlich wusste ich, was mir helfen würde. Am nächsten Tag gab ich eine Anzeige mit folgendem Wortlaut auf:

Suche Partnerin, die alle Bücher gelesen, verstanden und vergessen hat, um mit ihr in einer uninteressanten Gegend unter uninteressanten Menschen zu leben und das zu tun, was als einziges Interesse verdient.


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Die Botschaft“ aus LW13.

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