Das Ende einer Affäre

von Timotheus Schneidegger, 06.10.2004, 21:59 Uhr (Freiburger Zeitalter)

Sie ruft mich aus dem Krankenhaus an. Mal wieder.

„Was hast du?“, frage ich routiniert und besorgt.

„Nichts. Ich habe gar nichts“, antwortet sie mit Mehl im Mund.

„Was willst du?“, frage ich gelangweilt und bekümmert.

„Dich. Ich will nur dich.“ Und so weiter.

Trotz all ihres obzessiven Verhaltens muß man ihr zu Gute halten, daß sie nie nachts an meinem Fenster stand, um mich beim Schlafen zu beobachten, oder alle meine Freunde anrief, um nach mir zu fragen. Sie war zu intelligent für eine Psychopathin, nur konnte sie manchmal richtig bösartig werden. „Sie will sich vernichten. Ich bin darin eingeschlossen, weil wir mich zu einem Teil von ihr gemacht haben.“ Das habe ich dann immer gedacht, sie aber eben nie für eine Verrückte gehalten, dafür kannten wir uns zu gut. Sie hatte in all den Jahren mit Briefen und Erzählungen gut genug dafür gesorgt, daß ich, wenn ich die Gedanken schweifen ließ, mit ihnen bei ihr angekommen sofort wusste, was sie jetzt gerade ohne mich für mich oder das Abbild von mir in ihrem Kopf tun würde: Sie sitzt jeden Abend zu Hause und wartet auf mich, mit zerschnittenen Armen, um ihrem Schmerz einen Auslöser zu geben, den ihre Notärzte erkennen und behandeln können.

„Wo es keinen Anfang gab, kann es kein Ende geben“, orakelte sie eines nachts, als ich zu besoffen (eine Pulle Apfelkorn) und sie zu verheult für Sex war. Sie sorgte stets dafür, daß ich nie ratlos war, wenn ich mich fragte, wie es ihr geht, wo sie wohl steckt und was sie macht. Damit sorgte sie auch dafür, daß ich mich stets gut genug beschäftigt hielt, um mir gar nicht erst solche Fragen stellen zu können.

Bei einer ihrer Messer-Orgien hat sie mal, trotz großer Übung, die Hauptschlagader getroffen. Sie hat ihre halbe Wohnung vollgespritzt und Fotos von ihrem Grinsen in der Reflexion meines Toasters gemacht, den ich ihr mal in nachbarschaftlicher Solidarität und Seelenverwandtschaft geliehen habe. Für dieses Bildmotiv brauchte sie den blutbesudelten Edelstahl-Toaster, weil bei früheren Gelegenheiten alle ihre Spiegel zu Bruch gegangen waren (nicht durch das Fotographieren natürlich!). Jedenfalls ist sie in der Drogerie nach Vorlage des Abholzettels verhaftet worden, weil die gewissenhaften Herrschaften von der Fotoabteilung geglaubt hatten, einen ultraperversen Snuff-Ring zu ihrer Kundschaft zählen zu dürfen.

Nachher bedauerte sie das immer wieder, weil die Fotos sicher toll geworden seien und ich sie unbedingt sehen müsse. Sie hat eine Lehre daraus gezogen und sich eine Digicam gekauft, um mir mit unkomprimierten JPEGs von ihren Hämoglobin-Stilleben alle paar Wochen das email-Postfach zu verstopfen.

Alles was sie wollte, war ein Anfang, damit ihre Liebe für mich ein Ende nehmen konnte. Das habe ich jedoch erst aus ihrem Abschiedsbrief erfahren. Stilsicher wie sie war, legte sie sich mit einer Überdosis Schlaftabletten in ihre Badewanne, die sie mit Apfelkorn gefüllt und bei diesem letzten Großeinkauf ihr Konto um 320 Euro überzogen hatte. Die Polizei fand meinen Toaster in der Wanne schwimmend, der wohl das zuerst gewählte Suizidinstrument sein sollte, aber die modernen Toaster haben ja alle so eine Kurzschlußsicherung. Zum Glück, denn in Apfelkorn zu Tode gesotten, das wäre kein sehr fraulicher Abgang gewesen.


Dieser Text ist die unveränderte Fassung des Beitrags „Ende einer Affäre“ aus LW14.

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