Liebes Tagebuch

dr faustus würde im Tagebuch-Archiv zu Emmendingen das Folgende deponieren.

von dr faustus, 10.08.2004, 12:07 Uhr (Dunkles Zeitalter)

Liebes Tagebuch,

ich schreibe dir heute zum ersten Mal, weil ich in der BRAVO gelesen habe, daß Britney mit 14 auch angefangen hat Tagebuch zu schreiben. Und jetzt: ist sie voll berühmt und cool. Das will ich auch werden und deshalb ich fange jetzt an Tagebuch zu schreiben.

Ich bin die Heike, aber in meiner Klasse nennen mich eh alle Britti, weil ich voll so aussehe, wie Britney. Nur das Geld für die Brustvergrößerung habe ich noch nicht zusammen und meine Mutter will mir das auch nicht erlauben. Sie verbietet mir immer alles. Am liebsten würde ich weglaufen, aber ich weiß nicht wohin. Das geht meiner allerbesten Freundin für immer Melanie auch so. Vielleicht rennen wir gemeinsam weg. Dann werden die dummen Erwachsenen schon sehen, was sie mir die ganze Zeit angetan haben.

Oh Scheiße, meine Mutter schreit schon wieder, ich soll abspülen! Dabei habe ich mir doch gerade die Fingernägel lackiert! Scheiß Leben.

[Zwei Jahre später]

Liebes Tagebuch,

mir geht’s mal wieder total beschissen. Meine beste Freundin Julie war gerade bei mir und hat mir wieder einmal stundenlang vorgehalten wie toll doch ihr Thomas ist. Wieviel der weiß, daß er in Uniform so absolut süß aussieht, daß er voll der Verständnisvolle sein kann, auch wenn man es so nicht sieht, wie toll er küßt – angeblich besser als Jörg, aber das kann ich mir nicht vorstellen – und überhaupt: Thomas, Thomas blablabla. Denkt sie überhaupt auch an mich? Nein! Niemand denkt an mich. Alle sind voll glücklich, nur ich mal wieder nicht. Dabei hätte es mit Rolf doch so gut klappen können; aber nein, den mußte mir ja Julie noch ausspannen bevor sie sich Thomas angelte. Mein neuer Spitzname ist jetzt übrigens ‘Schlampe’. Jeder nennt mich so (auch Papa) – dabei habe ich zur Zeit nicht mal einen Freund. Und nur weil ich mich ab und zu mit Jörg zum Tanzen verabrede,… Alle nur neidisch.

Ich gehe heute abend doch noch ins Trend, vielleicht treffe ich den Typen von letzer Woche noch mal, der war ja soo süß.

Mit meinen Eltern komme ich überhaupt nicht mehr zurecht. Ständig nörgeln sie an mir herum und halten mir moralische Vorträge über mein Leben. Daß ich mich in der Schule mehr anstrengen soll, daß ich absolut unfreundlich bin, daß ich aufhören soll zu rauchen, daß ich soll, daß ich soll, daß ich soll, … Wen interessiert das denn überhaupt? Reden ständig davon, wie ich mein Leben zu leben habe und kriegen selbst nix auf die Reihe. Typisch.

[Noch zwei Jahre später]

Liebe Tagebuch,

seit gestern bin ich wieder zu Hause. Peter hat mich mit dem kleinen Lukas rausgeschmissen. Mutter hat einen ihrer Anfälle bekommen, die mit dem Satz enden: “Ich habe doch gleich gesagt, daß das nichts wird.” Klugscheißer. Papa redet schon seit Wochen nicht mehr mit mir, ist ständig besoffen. Immerhin macht er mir keine Vorhaltungen mehr. Seinen Enkel hat er bisher nur auf Fotos gesehen. Eigentlich ein Arschloch. Wie Peter: erst sagen, daß ich die Liebe seines Lebens bin, von Heirat und Familie reden und dann diese neue Flamme namens Nadja. Seine unsterbliche Liebe. Männer.

Ich muß aufhören, der kleine Schreihals blökt schon wieder durch die gesamte Wohnung. Scheiß Leben. Wenn ich den Mut hätte, wäre dies der letzte Eintrag- WENN

[Jahre später]

Liebes Tagebuch,

mein “Großer” ist gestern eingeschult worden. Alle waren da (selbst Opa war da und anfangs sogar nüchtern) und wir haben groß gefeiert. Seitdem wir wieder zusammengezogen sind, läuft alles voll gut. Christian gibt sich echt Mühe mit mir und Lukas. Die blauen Flecken sind mittlerweile weg – ich weiß bis heute nicht, warum er wegen dieser einen Nacht so ausgeflippt ist.

Gestern habe ich herausgefunden womit Christian sich die Zeit während der Nachtschicht vertreibt: Er liest jetzt Bücher; weiß Gott warum er plötzlich aggressiv wird, wenn er mit mir “Verbotene Liebe” angucken soll � irgendwie komisch, der Titel des Buches: “Sein und Zeit” Verstehe ich nicht. Wie so vieles.


Dieser Text ist die ungekürzte Fassung des Beitrags „Liebes Tagebuch“ aus LW9-12.

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