Uni-Streik: Bericht aus dem besetzten Freiburg

Im Badischen dauert alles etwas länger. Hiesige Studentenproteste entluden sich erst vom 20. bis 22. Januar 2004, als in Berlin, Göttingen, usw. längst die Waffen schwiegen.
Ein Bericht aus der bestreikten Uni Freiburg.

von Timotheus Schneidegger, 24.01.2004, 17:38 Uhr (Dunkles Zeitalter)

 

Dienstag 20.01.

Trillerpfeifen und Plakateinschläge dröhnen durch die engen Gässle. Die Lage ist gespannt – Streik liegt in der Luft.

Schneidegger berichtete als in der 21st Streik Division eingebetteter Reporter täglich aus dem Streikgebiet.

 

Noch vor dem ersten Feindkontakt kommt es zum Zwischenfall: Ein seattle-Kommando stürmt die Vorlesung, deren Dozent sich unlängst Einheiten der 21st Streik Division ergeben hatte. Sie richtet um 12 Uhr ein Briefing (Fachbereichsvollversammlung) zur Erläuterung von Streikzielen und -planung ein.

Die Moral der Truppe ist nicht so unkaputtbar, wie das OSK (Oberstes Streik-Kommando) den Journalisten weißmachen will: Selbst in den Offiziersrängen wird an der Legitimität des Streiks gezweifelt.

 

Währenddessen: Phase 1 des angedrohten „shock & awe“: Die Uni wird symbolisch an Konzerne versteigert, um Einheimische zum Aufstand gegen das Gebührenregime zu bewegen.

Wie zu hören ist werden Unternehmen, die im Vorfeld des Streiks die Einführung von Studiengebühren nicht befürwortet haben, schon jetzt von der Vergabe der Aktienbeteiligungen am Nach-Streiks-Universitätsbetrieb ausgeschlossen.

Stalin hätte Tränen in den Augen gehabt: Sturm auf die Festung Wissenschaft.

 

 

Ab 14 Uhr beginnen dezentralisierte Kommandoeinsätze. Ich-AGs und scharfgemachte Psychologinnen in Zwangsjacke durchkämmen die urbane Umgebung auf der Suche nach Anhängern des Gebührenregimes, zeitgleich werden drei seiner prunkvollsten Konsumpaläste (Saturn, Karstadt und Kaufhof) von Koalitions-Streikkräften besetzt, während andere barfuß durch die eisigen Bächle marschieren.

Die Streikkräfte beschließen auf ihrer Vollversammlung um 17 Uhr, die Universitäts-Besatzung zu verschärfen, um den Demokratisierungsprozeß zu beschleunigen: Es werden an allen Zugängen Streikposten installiert, die abkassieren. 10 Cent für einen einfachen Passierschein, ein Euro für die Tageskarte (=Tigerenten-Stempel). Hunderte von Freiwilligen werden rekrutiert.

 

Mittwoch, 21.01.

Erbarmungsloser Streikposten: „Bis zum letzten Cent!“

 

Ich begleite am nächsten Morgen die Spezialeinheit „Starbuck Streikers“ auf ihrem gefährlichen Einsatz. Der Auftrag: Einrichten & Halten eines Nervenzentrums des OSK – liebevoll „Streikcafe“ genannt. Mitten in dem Gebiet gelegen, dessen Einwohner zu den größten Anhängern des bekämpften Gebührenregimes zählen, – Kollegiengebäude II – wird die Mission für alle Beteiligten schnell lebensgefährlich. Am nahen Streikposten kommt es mehrfach zu Ausschreitungen von Regimeanhängern („Dein Gesicht merk ich mir!“), die wohl sehr gerne der Wirtschaft Geld geben, um von ihr einen Platz im Büro zugewiesen zu bekommen, aber nicht 10 Cent an „UB & soziale Einrichtungen“ (wohin das Eintrittsgeld laut OSK gehen soll) spenden wollen. Die Organisation „Ärsche ohne Grenzen“ verurteilt die Einziehung von Türgebühren aufs Schärfste: Diese Form der Besatzung bringe die durch den Streik beeinträchtigte Streber-Ökonomie zum Erliegen. Die Maßnahme würde überdies nur die gegnerische Propaganda unterstützen, nach der finanziell selektierende Bildung ein „geiles Ding“ sei.

„Wo man singt da laß dich nieder“: PsyOp-Einheiten (Psychlogische Kriegsführung) im bestreikten Freiburg.

 

Nicht alle der im KG II einheimischen VWLer und Juristen sehen die Koalitions-Streikkräfte als Befreier. Immer wieder Angriffe aus dem Hinterhalt. Plakate werden ab-, versperrte Eingänge aufgerissen. Eine selbsternannte Elite-Einheit des Gebührenregimes, die sog. ULIs, versucht die Bevölkerung über Flugblätter zum Widerstand aufzurufen. Die ULIs vermeiden es tunlichst, sich mit ihren Argumenten in einer offenen Redeschlacht oder in Wortgefechten den Koalitions-Streikkräften zu stellen.

Mittags: Lärm-Demo, Vorlesungsmarathon von früh bis spät, Menschenkette von Uni bis PH – Fortune und Moral der Streikkräfte erreichen ihren Zenit.

Koalitions-Streikkräfte in einem Palast des Gebührenregimes.

 

Ein Spezialkommando startet seine streikentscheidende Operation unter dem Codenamen „Aktive Stadtbesichtigung“: In den Wirren des Frontenkollapses wird mit der Freiburger CDU eine Schlüsselorganisation des Gebührenregimes gestürmt und besetzt: Der Streik kehrt zu denen zurück, von denen er entfesselt wurde.

Es gibt weder Gegenwehr, noch Vergeltungsakte via um die Ecke eilender Ordnungshüter: Keine Festnahmen – schreibt selbst indymedia, bei der ja schon Augenkontakt mit einem „team green“-Unpaarhufer als Verhaftung durchgeht.

 

Streiker flitzen umher – einige seit Tagen ohne Schlaf. Der Anblick ihrer ruhelosen Ungewaschenheit nährt Zweifel an wiederholten Beteuerungen des OSK, es würde seine Streikkräfte weder zur Einnahme von Dexedrin, Koffein oder Nikotin zwingen, noch eine solche Selbst-Bedrogung gutheißen.

 

Donnerstag, 22.01.

Viele Streikposten sind am folgenden Morgen verwaist. Nur der im KG II, mitten im Wespennest, wird gehalten – ein v.a. symbolischer Akt, denn in der Nacht ist es zu zahllosen alkoholbedingten Desertierungen gekommen. Der Streik droht an Tag 3 zu versanden.

 

Die 21st Streik Division kommt zum Einsatz: Podiumsdiskussion mit

Dozierenden des Seminars über die Zukunft der Philosophie an der Hochschule. Die geladenen gerieren sich als vom bekämpften Schweinesystem verfolgte und bedrohte.

Fr.Hühn produziert Ethiklehrer, Hr.Figal – unter einem Logik-bashing tut er’s nicht, Fr.Rese weiß Bescheid und Hr.Metz ist sowieso immer dabei, wenn’s was umsonst gibt. Allesamt flankiert von 180cm-Fachbegriff-Geschützen.

 

Daß man selbst dem Elitarismus nicht ganz abgeneigt ist, bleibt freilich unausgesprochen. Die Experten des OSK geben sich bald mit ihrer Rolle als Stichwortgeber zufrieden. Das Resümee der Philosophie-Minister, die auch nach einem Sturz des Gebührenregimes auf ihren Posten verbleiben würden, ließ deren Zweifel am Erfolg der Koalitions-Streikkräfte durchscheinen: Gegen das Gebührenregime werde man nichts unternehmen, aber das beste daraus machen.

Es wird über Vorstellungen vom „briefmarkengroßen Spezialistentum“ gelacht. „Objects in a philosopher’s mind appear further than they are“, lautet eine Aufschrift, und meint damit nach der vom Podium ausgehenden Lesart die Weltferne der an die Philosophie gerichteten technokratischen Leistungs- und Produktionserwartungen, ansonsten die der von der Philosophie ausgehenden Reaktionsbereitschaft auf diese Bedrohung ihres Wesens.

Einwände, denen zufolge man einen Gegner nicht erst auf dem Bettvorleger abwehren könne, werden durch Herunterbeten von versprochenen Privilegien beantwortet. So stünden für diejenigen, die dem Gebührenregime die Treue schwören, bald Fremdsprachenkurse bereit. Das dominerende Diktum von Beruf, Berufswahl, Chancen usw.usf. unterstrich gleichfalls, wie viel „bildungs-building“ den Streikkräften nach einem Sturz des Gebührenregimes bevorstünde, um aus der befreiten Universität wieder einen wohlgesinnten Bestandteil der Zivilisation zu machen.

 

Die Märtyrer-Larmoyanz über herrschende Mißstände verbindet sich mit einer Zuversicht, die so nur aus preistragenden, verbeamteten Mündern kommen kann.

 

Es ist nicht auszudenken, mit welcher Grausamkeit das Gebührenregime auch seine gebildetste Klasse eingeschüchtert haben muß, wenn selbst diese Gralshüter es nicht wagen, sich offen dagegen aufzulehnen. Dieser jahrzehntelang unterdrückten Gesellschaft scheint der Gedanke, jemand könnte aus anderer Motivation studieren, als sich für einen Arbeitsmarkt abzurichten, vollkommen fremd zu sein.

„Zukunft der Philosophie an der Hochschule.“ Um die Zukunft ging es hier nicht, eher um eine ferne Gegenwart. Eine Hausarbeit hätte dafür eine 6 bekommen – „Thema verfehlt“.

„Wollt ihr den totalen Streik?“ – Abstimmung über die Fortsetzung des Streiks.

 

Auf Beschluß der Vollversammlung verkündet Senator Martinus Severinus Lyssenkus am Abend des 22. Januar das Ende offener Streikhandlungen. Die Streikkräfte ziehen anschließend mit einer dröhnenden Parade aus der besetzten Universität ab.

Zurück bleiben namenlose Studenten, die jetzt der Willkür des Gebührenregimes ausgesetzt sind, das sich von dem Blitzstreik unbeeindruckt zeigt. Kritiker hatten bereits vor der Besatzung moniert, eine dauerhafte Befriedung sei ohne größere Anstrengungen kaum möglich.

Xenophon führt die 10000 nach Hause.

 

Das OSK indes hat sich nur hinter die Grenzen zurückgezogen.

Der Eindruck verdichtet sich, daß die Streikkräfte Atem schöpfen für einen zweiten Streich, der – eingeläutet von Enthauptungsschlägen und der Mutter-aller-Demonstrationen („reallyfucking-MAD“) – zuerst das Freiburger Gebührenregime stürzen soll, um von dort aus eine Demokratisierung des gesamten Hochschulraums durchzusetzen.

 

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