Erwartung = Existenz-Be-deutung

von Timotheus Schneidegger, 02.03.2003, 12:53 Uhr (Dunkles Zeitalter)

Was ist hier unser Problem? Wird zuviel von uns erwartet? Oder zu wenig?

Nein, was uns am Boden hält ist zunächst scheinbar die Ungewißheit, was und ob überhaupt irgendwas von uns erwartet wird.

Das ist nichts neues: Jede Generation ohne historische Not – welche sich sowieso erst als solche herausstellt, wenn es für einen Einfluß auf aktuelle Lebensplanung zu spät ist – ist im Ungewissen darüber großgeworden, was sie vor der Welt (und der vergangene Not feststellenden Geschichte) zu leisten, welche Hoffnungen sie zu erfüllen (vgl. Schneidegger, T.: „Vom Wesen der Hoffnung“. In: Lichtwolf Nr.1 (Jg.1, Ausg.1) S.6) hat.

Wir wissen also auch nicht, was man von uns erwartet.

Vieles wird uns gewünscht, von Herzen sogar: Glück, Gesundheit, Liebe. Nur ein Ziel, einen Sinn, kurz eine Erwartung – die kann und will (und darf?) man uns nicht nennen.

Sehnen wir uns etwa nach Totalitarismus? Nach der Unfreiheit unter ihm bestimmt nicht. Doch nach der ausdrücklichen Erwartungshaltung an die Jungen – nach so etwas in der Art verlangen wir.

Nur sind die Unfreiheit und diese Erwartungshaltung zwei Seiten einer Medaille. Wenn wir unser Leben mit einem Sinn, einer Aufgabe, einem Ziel, Ideal versehen wissen wollen, dann müssen wir auch den Rest einer totalitären Herrschaft über unser Leben akzeptieren können. Wenn wir es ablehnen, über unser Leben bestimmen zu lassen, es gemäß Sar auf Etz be-deuten (vgl. Sar auf Etz, R. von: „Das Problem“. In: Lichtwolf Nr.3 (Jg.1, Ausg.3) S.3) – also mit einem Sinn erfüllen – zu lassen, der darin besteht, eine fremdgesetzte Erwartung an sich gestellt zu finden, dann müssen wir ganz alleine leben.

Das ist alles nichts neues: Wir sind zur Freiheit verurteilt, sagt Sartre.

Freiheit ist Einsamkeit – bedeutungslos weil Bedeutung immer nur von außen – einem Zweiten – kommen kann, das weiß Sar auf Etz genauso gut wie Davidson. Totalitär beherrscht zu werden hieße auch einen Sinn zu erhalten, über den dann – neben vielem anderen – das Individuum nicht verfügen kann.

Die Rechtfertigung unserer Existenz nach der historischen Ächtung des Totalitarismus ist so trivial und bedeutungslos geworden, daß wir sie uns selbst gar nicht mehr zutrauen.

Versuchen wir es trotzdem. Totalitäre Autokratie als Ausweg? Rechtfertigung der eigenen Existenz durch eigene Erwartungen. Jeder setzt sich seinen eigenen Sinn, be-deutet sich selbst. Das ist Sinngebung nach Art der Bedeutung in einem Zwiegespräch mit sich selbst – leider aber genauso zu kategorisieren wie eine Privatsprache, die es bekanntlich (Wittgenstein) nicht geben kann, weil Sprache sich nun einmal über Regeln definiert, die von mindestens zwei unabhängigen Geistern mit dem Ziel der Verständigung eingehalten werden. Auf die Sinngebung übertragen heißt das: Eine private Erwartung an uns selbst ist nutzlos, denn wir sind vor ihr Spieler und Schiedsrichter zugleich. Eine zur sprachlichen Bedeutung analoge Mitteilbarkeit hat sie nicht, denn die Regeln des individuellen moralischen Nexus, in dem eine Privat-Erwartung existiert, sind nicht zur Kommunikation gedacht, sondern zur Gewissensbildung.

Trotzdem hat sich diese autokratische Methode offenbar weithin durchgesetzt. Ein Mensch stellt an sich selbst Erwartungen. Sie gehören diesem Individuum, sie sind ihm unterworfen und beziehen sich nur auf dieses Individuum, das alleine Zeuge seines Scheiterns an oder Erfüllens der Erwartung werden kann.

Das ist die atomare Gesellschaft: Es gibt das Grundrecht der Existenz, das heißt eine Existenzberechtigung durch Erwartungen ist gar nicht mehr erforderlich – durchaus nicht das schlechteste. Sinngebung ist keine Pflicht, sondern ein Recht. Ob ein Atomarer das eine oder das andere kennt, ob er es begreift, wahrnimmt (d.h. ausübt) oder ablehnt ist vollkommen bedeutungslos. Kaum etwas drückt diese eine Seite Bedeutungslosigkeit so treffend aus wie das Wort der „neutrals“ aus „Futurama“, unter dem sie ihr achselzuckendes Leben auf einem eintönig grauen Planeten fristen: „Live free or don’t.“

Unser Problem hier wird durch das Recht auf Leben nicht gelöst, sondern umgangen.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Bedeutungslosigkeit und Überflüssigkeit und nie wird er so schmerzlich spürbar wie dann, wenn es egal ist,

(A) ob wir da sind und

(B) was wir machen.

Weil nämlich die Menge der nicht mit uns selbst identischen Individuen, die (A) oder (B) eine Bedeutung zumessen, die leere Menge ist.

Frohen Frühling. –

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