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Sozialphänomenologie am 06.05.2007, 11:54 Uhr (Freiburger Zeitalter)

Jan Delay kackt auf die Straße

von Johannes Franzen / Kommentare Kommentare (0) ausblenden

ein später Anschlag auf unser Wohlbefinden ist der RAF durch die Debatte um Klar und Mohnhaupt gelungen. Die Hanswurstiade der überlebenden (und überlebten) Sympathisanten (Claus Peymann und Konsorten) ist ungefähr so schwer erträglich wie eine Drag-Show im Altersheim. Umso schlimmer, dass es den Zombie-Linken, die schon damals nichts besseres zu tun hatten, als die blutigen Indianer-Spiele einer Hand voll mediokrer Gestalten zu einer seltsamen Form von Avantgarde-Rebellentum hochzupushen, offenbar gelungen ist, Nachwuchs zu zeugen.

Der Musiker Jan Delay geriert sich jedenfalls im Linksspießerblatt Taz als Prototyp des Junior-Sympathisanten und gibt Sätze von sich, die einem die Haare zu Berge stehen lassen: "Damals gab es Menschen, die haben tausendmal mehr Haltung an den Tag gelegt als heute irgendjemand. Das fand ich einfach krass und bewundernswert." Und gemeint sind nicht etwa Helmut Schmidt oder die zahlreichen Angehörigen der Opfer, sondern die Terroristen selbst. Aufgewachsen in einem "linken Wohnprojekt" hat Delay den Geist der Revolte schon mit der Muttermilch eingesogen, und später in knallharten Versen in den Äther gerotzt:

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"Sag mir, wo die Terroristen sind / Sag mir, wo sind sie geblieben / Sag mir, wo die brennenden Faschisten sind / Wo die Autos explodieren."

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Oh my! So sprachmächtig wird Reggae gemacht. "Provokant und spritzig" - würde die Lokalpresse von Hintertupfingen schreiben.

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Immerhin möchte Delay nicht dazu aufrufen "Leute abzuknallen". Ihm geht es mehr um die "Grundidee" und das ist ehrenhaft, denn wenn etwas bleiben soll, vom segensreichen Wirken der Baader-Meinhof-Bande, dann sicherlich ihre Grundidee, und die war noch mal was? Schwer zu sagen, außer für Delay, der über seine Art, sich den Dingen geistig und künstlerisch zu näher Folgendes verlautbaren lässt: "Wenn man einen Dreiminutensong schreibt, kann man nicht differenziert über ein Thema reden." Exakt! Und weil er eben auch in Dreiminutensongs denkt, kommen dabei Elaborate heraus wie:

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"Tja, die UNO, die finde ich 'ne gute Sache. Weil da arme und reiche Nationen Mitglieder sind. Selbst wenn nicht alle das gleiche Stimmrecht haben, sie können ihren Protest kundtun. Niemand wird ausgeschlossen. Abgesehen davon finde ich Kofi Annan einen der respektabelsten Menschen in der Politik."

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Darauf hat die Welt gewartet. Eizi Eiz erklärt die internationale Politik und transformiert die "Grundidee der RAF" in zeitgemäße Parolen: "Ob cool oder nicht cool: Jeder muss zum Bono werden." Wenn das kein neuer Terror ist!

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Es versteht sich von selbst, dass Delay auch auf dem Anti-G-8-Gipfel-Sampler vertreten ist, ein Who-is-Who der talentarmen Deutschrocklandschaft. G-8 findet er nämlich voll scheiße, weil:

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"es nicht klargeht, dass sich acht Leute - die selbsternannt wichtigsten - treffen und über die Zukunft der Welt entscheiden. Allein diese Tatsache ist zum Kotzen. Und allein deshalb muss man Radau machen und zeigen, dass man damit nicht einverstanden ist."

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Wie beruhigend, dass er drei Zeilen weiter ganz offen zugibt, einfach die entsprechenden Attac-Ausdünstungen gesampelt zu haben. "...ich hatte eigentlich gar keine Ahnung von G 8, und da habe ich gesagt, wenn ich Interviews gebe, schreibt mir doch mal ein paar gute Sätze auf..." Und weil dieser Satz an sich schon spitze ist, bleibt er jetzt mal unkommentiert.

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Genau: "Denn nun ist's am Tag" (Cyrano): Jan Delay ist ein Abstraktum. Er steht für alle, die jetzt zum Sturm auf Heiligendamm rüsten, die RAF und Che Guevara total knorke finden, die "Deutschland-Fan" sein wollen, ohne "Heil-Hitler" zu rufen, die "Palituch" tragen, ohne "Antisemit" zu sein. Hier kommt wirklich alles zusammen. Man braucht keine Mentalitätsstudien zu lesen, um über diese Menschen Bescheid zu wissen. So viele Informationen so dicht gedrängt in einem einzigen Interview. Was dieser denkt, denken viele, und deshalb am Ende noch einmal ungekürzt:

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"Auch wenn ich jetzt hier auf die Kreuzung scheißen würde und die Leute fragen: Wieso kackst du auf die Straße? Deshalb! Ich will Aufmerksamkeit erregen. Ich finde, auch das brennende Auto ist eine super Aktion. Es kommt ja niemand zu Schaden, und es gibt Schadensersatz. Die Zeitungen schreiben aber darüber und zwangsläufig auch über die Hintergründe."

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Mehr braucht man über dieses Rebellentum eigentlich nicht zu sagen.

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Stichworte: Jan Delay, RAF, Rebellentum, Heiligendamm, G8, Widerstand, taz, Avantgarde, Claus Peymann, Sozialphänomenologie

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