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Philosophistik & Misosophie am 20.06.2014, 09:45 Uhr (Zwote Dekade)

Meditation im Svíbwald

Beim Wandern über das Schlachtfeld von Königgrätz drängt sich Schopenhauer als einer jener auf, die Vergleiche zwischen Liebe und Krieg führen; wobei er zudem klärt, wie der „Wille“ das Individuum zum Narren hält, bevor es ans Sterben geht.

von Michael Helming / Kommentare Kommentare (0)

statt Moos bedecken Laub und Wurzeln den Waldboden. Gleichmäßige Schritte entlang zweier Wege. Einer, „Allee der Toten“ genannt, auf dem Hügelkamm in Ost-West-Richtung verlaufend, dabei jenen anderen schneidend, der sich von Nord nach Süd zieht. So entsteht auf Karten ein Kreuz. Sonnig und leer schweigt der Vorfrühling zwischen Sadová und Hradec Králové. Keine Menschenseele, kein Vogel, kein Insekt, ja nicht einmal Wind und Wetter geben Laut. Fontane hat diesen guten Quadratkilometer Forst mit seinem rautenförmigem Grundriss einst als unübersichtliches Gelände beschrieben. Gleich im Herbst 1866 kam er hierher. Da stand noch Leichenduft in den Senken, jedoch kaum ein Monument – die Eisenkreuze, Typenpyramiden, die Gedenk- und Wegmarken an und über den zahllosen Gräbern entstanden erst in den folgenden Jahren und Jahrzehnten. War das echte Hauen und Stechen vorüber, so blieb es noch lange als überhöhtes, heldenhaftes Sterben in den Köpfen. Die Schlacht hatte einen Tag gedauert, die Bestattung der vielen tausend Helden brauchte allein in diesem Wäldchen achtzehn lange Tage. Den Begriff des Heldenhaften hatten Klassik und Befreiungskriege geformt. Jeder Gymnasiast wusste um die Thermopylen und die Worte auf der Siegesstele ebenda, von Schiller ins Deutsche übertragen: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“ Nun muss man für so etwas nie bis Hellas. Das nächste Massengrab ist in Europa niemals weit, auch hier in Böhmen nicht. Doch was nützt das, wenn die Toten doch tot bleiben? Es möge nützen, damit die Lebenden leben! Auch dafür lesen wir die Alten! Neben Schiller las man damals den beinahe noch warmen Schopenhauer. Auch Fontane hat Schopenhauer gelesen, ja sogar Gedenkfeste zu dessen Ehren besucht. Arthur Schopenhauer, kaum sechs Jahre tot, war inzwischen eine Art Kaiser der deutschen Philosophie und bekanntlich erst spät zu dem geworden, nach Erscheinen seiner „Parerga und Paralipomena“. Jetzt gaben sich Jung und Alt seiner Lektüre hin und damit einer Philosophie, die sich nicht um eine abstrakte „Welt“ drehte, sondern um das Individuum, einen getretenen Hund, mit dem sich jeder identifizieren konnte. Und was da jeden tagtäglich trat, das war der „Wille“, ein arglistiges, kaltes Konstrukt; den Deutschen, so wie Schopenhauer es ihnen vorführte, nicht nur interessant und verständlich, sondern offensichtlich auch schlüpfrig genug, um sie zu fesseln und zu begeistern, was nicht zuletzt für die Jugend galt. So berichtet Rüdiger Safranski in seiner Schopenhauerbiographie, Kadetten einer Militärerziehungsanstalt hätten sich die „Nacht um die Ohren geschlagen“, bei heimlicher und mehrfacher Lektüre der „Metaphysik der Geschlechterliebe“ [sic!]. Wir müssen vermuten, dass diese Anstalt keine Ausnahme gewesen ist, dass mancher Schüler, Rekrut und Soldat besagten Text, wenn nicht im Tornister, so doch im Kopfe trug; jene Ergänzung zum vierten Band des Hauptwerkes, eben das vierundvierzigste Kapitel, welches der ewige Pessimist und Pudelnarr vor seinem Ableben noch um einen längeren Anhang erweitert hatte, der sich der Päderastie widmet; schließlich in der dritten Auflage berücksichtigt, dürfte gerade dieser Nachtrag die nächtlichen Phantasien der Kadetten überall im deutschen Sprachraum beflügelt und zu wer weiß was für lüsternen Auswüchsen geführt haben. Nur menschlich sind die Triebe und deshalb so alt wie die Menschheit! Sieht nicht bereits Juvenal in seiner siebten Satire den Lehrkörper darüber wachen, dass die Schüler nicht unsittlich spielen und sich’s gegenseitig machen?

(Photo: Michael Helming)

(Photo: Michael Helming)

Was können wir Menschen noch empfinden, die wir in der westlichen Welt das 21. Jahrhundert angebrochen haben wie einen Einmalartikel, die wir von traditionellen Ängsten keinerlei Ahnung mehr haben, Hunger nur als Verschnitt aus Medienberichten kennen, desgleichen bewaffnete Konflikte? Letztere stellen sich uns nicht mehr als individueller Kampf Mann gegen Mann dar, als Entbehrung, Leid und Auslöschung, sondern als gefilterte Nachrichten im Liveticker, als krasse Detonationen fliegender Gadgets und intelligenter Waffensysteme – Komponenten eines Computerspiels mit Realitätspotential, dem wir allerdings für uns selbst keinen allzu hohen Grad an Wirklichkeit beimessen. Wir, die wir Krankheit und Tod verdrängen, permanent einkaufen, kommunizieren, schwatzen, flirten, spielen und Spaß haben – wir können und wollen uns die ohnehin verklärte, unverständliche Liebe zwischen den Geschlechtern nicht vorstellen als Gleichnis oder gar Entsprechung des Krieges, obwohl auch in unserer Gegenwart – zuletzt durch Michel Houellebecq (1994) – darauf hingewiesen wurde, dass Sexualität die Ausweitung einer (nicht verschwundenen, nur verdrängten) Kampfzone darstellt, wobei sich in letzterem Beispiel der evolutionäre Kampf in der Ökonomie ausdrückt. Ein Zeitphänomen. Schon morgen könnten zur Abwechslung Messer oder Steine zum Einsatz kommen, was beide Erscheinungen dichter zusammenrückte. Was ist schon archaisch? Heute ficken, morgen sterben! Wo Schopenhauer den metaphorischen Vergleich zwischen Krieg und der Beziehung zwischen den Geschlechtern freilich nicht erfunden hat – der ist ein Urdualismus der Menschheit – so hat er diese Entsprechung jedoch neu und beinahe darwinistisch kultiviert, indem er sie für das Konzept seines „Willens“ modernisierte, beispielsweise durch den Begriff der Sexualehre, auf den wir noch zu sprechen kommen werden. Dabei lag Darwins 1859 erschienenes Werk „Über die Entstehung der Arten“ überhaupt erst im Jahr von Schopenhauers Ableben auf Deutsch vor.


Wer des Nörglers Hauptwerk gelesen hat wird sich erinnern: Sexualität ist ihm lediglich eine Täuschung, ein Hinterhalt, in den der „Wille“ das Individuum lockt, um die Gattung zu erhalten. In besagter „Metaphysik der Geschlechtsliebe“ meint er – der Frauen auch mal von der Treppe schubst, wenn sie nerven – man sei es gewohnt, vor allem Dichter mit Schilderungen der Liebe beschäftigt zu sehen. Allerdings zweifle auch der Philosoph nicht an der Wichtigkeit der Sache. „Der Mann mit dem Stierkopf auf breitem Nacken“ (so Karl Gutzkow) will sich dem Problem sorgfältiger widmen als beispielsweise Platon, der hauptsächlich Mythen, Fabeln und die griechische Knabenliebe untersuchte oder auch Kant, der die Thematik „oberflächlich und ohne Sachkenntnis“ erörterte, wobei sich schließlich bloß alles darum handele, „daß jeder Hans seine Grethe finde“. Nüchtern und technisch betrachtet steht also „nichts geringeres, als die Zusammensetzung der nächsten Generation“ im Zentrum. Bereits diese an sich komplett unerotische Erkenntnis dürfte in Zeiten vor Beate Uhse, Bilitis oder Youporn die Intimdurchblutung manches Rekruten stimuliert haben. Schopenhauer als Wichsvorlage! Wobei der Denker selbst stets sachlich und bei seinem „Willen“ bleibt: „Was im individuellen Bewustseyn sich kund giebt als Geschlechtstrieb überhaupt und ohne die Richtung auf ein bestimmtes Individuum des anderen Geschlechts, das ist an sich selbst und außer der Erscheinung der Wille zum Leben schlechthin.“ Das Verliebtsein sei nichts als ein menschlicher Instinkt, also etwas Tierisches, was die Natur eingepflanzt habe. Dieser Instinkt setze das Individuum für das Wohl der Gattung in Bewegung – oder soll man sagen: in Marsch!? Welch wollüstige Mobilmachung! Schopenhauer, den Eduard Engel einen „Schriftsteller ohne Liebe“ nannte, schreibt weiter: „In der That führt der Genius der Gattung durchgängig Krieg mit den schützenden Genien der Individuen, ist ihr Verfolger und Feind.“ Dabei verweist er deutlich auf die Attribute des Liebesgottes Amor: „Mörderisches Geschoß, Blindheit und Flügel.“ Leidenschaftliche Liebe und Befriedigung des Geschlechtstriebes stellen sich oft als Sache auf Gedeih und Verderb dar. So scheut das Insekt „weder Mühen noch Gefahr“, um seine Eier an einer bestimmten Stelle abzulegen und ein Mensch, der seine Liebe unerwidert sieht, begeht zuweilen Suizid. Ausführlich beschäftigt Schopenhauer sich mit Instinkten und den Mechanismen, die jeden Hans seine Grethe finden lassen. Wesentliche Fakten sind bis heute gleich geblieben: Der Mann will junge Weiber und die Frau will stramme und mutige Kerle. Aber nicht nur die Geilheit gibt Schopenhauer recht. Von der Partnerwahl bis zur Mutterliebe hat sein „Wille“ alles eingefädelt, wobei man zu besagten Instinkten unter anderem auch „den kapriziösen Appetit der Schwangeren zum Wohl des Embryo“ rechnen muss.

[...]


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Stichworte: Perversion, Pädophilie, Arthur Schopenhauer, Platon, Königgrätz, Kriegsgeilheit, Arterhaltung, Sexualität, Philosophistik & Misosophie

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Zuletzt bearbeitet am 20.06.2014, 10:23 Uhr: Kleine Änderungen.


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Dieser Artikel ist die gekürzte Vorschau des Beitrags "Meditation im Svíbwald" aus

Lichtwolf Nr. 46 (2/2014), Juni 2014

Titelthema: Perverse

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