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lichtwolf.de / Monatsbuch / Januar 2012
Politik am 06.01.2012, 14:08 Uhr
Den Zuschauern des Kasperletheaters bleibt bloß die schale Hoffnung, die Politkaste möge sich den Fall Wulff eine Lehre sein lassen und sich künftig nicht mehr in die Hände der BILD zu begeben. Aber da war doch noch was anderes in der hiesigen Politik als der Osnabrücker Kreissparkassenleiter, den ein grausames Schicksal (nebst Kanzlerin, Ehrgeiz sowie BILD) ins höchste Staatsamt befördert hat: Genau, die FDP, die durch ihr Dreikönigstreffen sowie dadurch, die Regierungsbeteiligung auch im Saarland durch interne Querelen verloren zu haben, heute für Abwechslung in den Nachrichten sorgt.
Politologen sind seit Mitte Dezember samt und sonders damit beschäftigt, Kommentare zum Bundespräsidenten abzugeben. Darum nimmt es kaum wunder, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, den Abstieg der FDP mit dem Aufstieg der Piraten-Partei in einen nicht nur zeitlichen Zusammenhang zu stellen.* Beide sind klassische Freiberufler-Parteien, nur würden neben den Social-Media-Beratern und Urheberrechtsbloggern neuerdings auch Steuerberater und Rechtsanwälte eher Piraten als FDP wählen. Bei zwei Prozent sind die (alten) Liberalen inzwischen angekommen und im Prinzip so fertig, dass es sich nicht mehr gehört, sie zu verspotten. Die Zahlen jedoch zeigen, dass 2 % bei der Sonntagsfrage eine ganze Menge Menschen sind:
Wahlberechtigte BTW09 (absolut): 62.168.489
Wahlbeteiligung BTW09 (prozentual): 70,78 %
Wahlbeteiligung BTW09 (absolut): 44.005.575
Zweitstimmen für die FDP 2009 (prozentual): 14,6 %
Zweitstimmen für die FDP 2009 (absolut): 6.316.080 (Zahlen bis hier: Bundeswahlleiter)
Mitgliederzahl der FDP 2009 (absolut): ca. 70.000 (ZEIT)
Sonntagsfrage FDP 2011 (prozentual): 2 % (ZEIT)
Sonntagsfrage FDP 2011 (absolut): 865.216 (nach obigen Zahlen gerechnet)
Mitgliederzahl der FDP 2011 (absolut): 63.416 (n-tv)
Das heißt, dass jedes FDP-Mitglied es irgendwie schafft, zusätzlich zu seiner Stimme noch 13 andere Wahlberechtigte von seiner Partei zu überzeugen. Er ist also noch lange nicht tot, der Gelbliberalismus, es riecht nur streng.
*) Treue Lichtwolf-Leser wissen natürlich, dass Ihr Fachblatt für Dinge in Zusammenhängen aus Gründen schon im Sommer 2010 die Piraten-Partei als radikalliberale Konkurrenz der FDP ausmachte, der es damals allerdings - wie aus dem Text hervorgeht - etwas besser ging: "Noch passen der Liberalismus von FDP und Digitalkultur noch nicht zusammen. Doch irgendwann werden auch Piraten zu groß, um Politik zu spielen, und wechseln für ein paar Prozent mehr zur FDP. Und wenn die Ideologie der Digitalkultur erstmal erwachsen ist, wird sie einen schönen neuen Marktradikalismus für eine Informationsgesellschaft nach gut deutsch kryptofeudalem Vorbild abgeben. Die FDP hat bereits einen eigenen Landesverband Internet." (Schneidegger, Timotheus: "Grow the fuck up", in: Lichtwolf Nr. 30 ("Erwachsene"), S. 10-14, hier: S. 14)Links der Woche am 07.01.2012, 14:05 Uhr
Links der Woche, rechts der Welt KW 01/12
Hannah: The Movie
Nicht Montana, sondern Arendt: Die "Information Philosophie" meldet den Beginn der Dreharbeiten von Margarete von Trothas Film über Hannah Arendt (gespielt von Barbara Sukowa, Axel Milberg als Heinrich Blücher, so das Luxemburger Tageblatt), der im Oktober in die Kinos kommen soll.
In der ZEIT referiert Elisabeth von Thadden über die Begriffsgeschichte der Ordnung, vom Kosmos der Vorsokratiker über die antike Physik und neuzeitliche Taxonomie bis zur Einsicht der Humboldt-Nachgeborenen, dass in der Welt ein heilloses Durcheinander herrscht und das einst gefürchtete Chaos als relative Ordnung in alle Wissenschaftsbereiche einzieht. (06.01.12)
Mit der viel beschworenen Chancengleichheit wird es nichts, solange sich die Regierung nicht dazu durchringt, endlich einen richtigen Kapitalismus durchzusetzen. Darum plädiert der Wissenschaftsphilosoph Ulrich Kühne in der taz für eine 100-prozentige Besteuerung von Erbschaften, die ein gesellschaftlich schädliches Relikt des Feudalismus darstellen. (07.01.12)
Das Weitere
Umberto Eco wird 80, Stephen Hawking wird 70. +++ Die FAZ bespricht zwei inzwischen nicht mehr ganz so neue Bücher über Hegel von Robert Pippin und Susan Buck-Morss. +++ Medienphilosoph Peter Weibel würde laut WELT gerne Cyborg werden: Transhumanismus als letzte Chance, mit dem Internet klarzukommen.
Links der Woche am 14.01.2012, 14:18 Uhr
Links der Woche, rechts der Welt KW 02/12
Bloggen wie einst Dilthey
Das Culture-to-go-Blog meldet, im Netz werde unter Geisteswissenschaftlern debattiert, ob Bloggen unseriös sei und der Reputation schade. Die Debatte ist dort mit vielen Links dokumentiert. Auf digiwis.de gibt es eine aktuelle Liste von Historiker-Blogs. Die WELT verweist auf das Blog Münchner Theologe Gerd Häfner. Bei den BrainLogs hat Beatrice Lugger eine Liste der twitternden deutschen und internationalen Wissenschaftsinstitutionen zusammengestellt.
Seit mit Muhammad Yunus 2006 erstmals ein Banker den Friedensnobelpreis erhielt, ist die Kritik an den von ihm populär gemachten Mikrokrediten gewachsen. Kathrin Hartmann fasst sie in der FR zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Hilfe zur Selbsthilfe die Fortsetzung des Neoliberalismus mit den Mitteln der Entwicklungspolitik ist und nur den Banken nutzt. (10.01.12)
Statt Neugier sind Netzwerke heute das Kernmerkmal erfolgreicher Wissenschaftler. Germanist Peter-André Alt beschreibt in der FAZ, wie die Neugier aus ihrem kirchlichen Bann befreit wurde und heute vor akademischer Karriere-Taktik ins Hintertreffen gerät, bis die Selbstvermarktung unhinterfragt als wichtigstes Qualitätskriterium in der Wissenschaft gilt. (10.01.12)
Neue Sportpanzer für die Postdemokratie
Vor einem halben Jahr wurde hier auf Dieter Kaags lesenswerten Essay über SUVs hingewiesen. Diese Woche nun stand in der FAZ ebenfalls ein Artikel, der auch für unvierrädrige Verkehrsteilnehmer von Interesse sein dürfte: Niklas Maak berichtet von der internationalen Automesse in Detroit bzw. eher von der in Chrom gegossenen Sozialneurose. (12.01.12)
Der Schriftsteller Ingo Schulze hat bereits den Untergang eines Systems miterlebt und jahrelang mit der Faust in der Tasche zugesehen, wie Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Jetzt haut er in der SZ auf den Tisch und bringt seine Thesen gegen die selbstverständlich gewordene Ausplünderung der Gesellschaft vor. (12.01.12)
Unn sünst?
Eine Liste von 20 Filmen, die jedem Philosophie-Studenten ans Herz zu legen sind, gibt es bei Accredited Online Colleges: http://www.accreditedonlinecolleges.com/blog/2010/top-20-movies-for-philosophy-students +++ Apropos Film: Demnächst gibt es eine Doku über das Leben von William S. Burroughs. +++ Die Politologen sind alle durch, nun kommen die Ethiker dran: Martin Seel über die Angelegenheit Wulff.
Links der Woche am 21.01.2012, 15:14 Uhr
Links der Woche, rechts der Welt KW 03/12
Mit viel Ernst Bloch im Gepäck behandelt Martin Seel in der NZZ die Frage, wie sich Tugenden und Laster in ein gesundes Verhältnis setzen lassen. Das Haben ist - in Persönlichkeit und Konsum - so wichtig wie das Habenwollen und auch die Freuden des Verzichts sind nicht zu verachten. (14.01.12)
John Brockmans Onlinemagazin "The Edge" zielt auf die Symbiose von Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften und hat die Schlauköpfe seines Umfelds gefragt: "Welche tiefe, elegante oder schöne Erklärung gefällt Ihnen am besten?" Alan Posener stellt in der WELT das Projekt und einige Beiträge vor. (17.01.12)
In Russland ist alles etwas extremer: Winter, Politik, Kunst. Kerstin Holm stellt uns in der FAZ die russische Künstlergruppe "Woina" ("Krieg") vor, zu deren Kunstprojekten abgefackelte Polizeiautos gehören und die dem Kapitalismus zum Trotz so leben wie Gorkis Barfüßler, die uns das IPuP in Lichtwolf Nr. 34 vorgestellt hat. (19.01.12)
Außerdem:
Das Philosophische Quartett mit Schlotterdeik und Safranski wird 10 Jahre alt. Hurra. +++ Die NZZ weist auf den neuen Essayband des letzten Wiener Kaffeehaus-Philosophen Frank Schuh hin, der Liebe, Kunst und Tod behandelt.
Links der Woche am 28.01.2012, 14:04 Uhr
Links der Woche, rechts der Welt KW 04/12
Anlässlich des 300. Geburtstags Fritz-zwos geht Ottfried Höffe in der FAZ ausführlich der Frage nach, ob sich unter seinem aufgeklärten Absolutismus in Preußen eine platonische Philosophenherrschaft etabliert hatte, wie sie zuletzt unter Marc Aurel in Rom herrschte. Der Wille, Tugend und Macht zu vereinen, war jedenfalls von Generationen von Philosophen anerkannt. (22.01.12)
Kerstin Holm weist leider nur in einer kurzen Glosse bei der FAZ auf den weißrussischen Aktionskünstler Denis Limonow hin, der sich und seine Gruppe der Mitwirkung an den Sprengstoffanschlägen auf die Minsker U-Bahn bezichtigt hat. Dadurch können die beiden Handwerker, die ohne Beweise und aufgrund (mutmaßlich unter Folter erzwungener) Geständnisse zum Tode verurteilt wurden, vorerst nicht hingerichtet werden. (24.01.12)
Japan setzte auf den Staat und die technische Herrschaft über die Naturgewalten. Nach Tsunami, Kernschmelze und einer überforderten Regierung sind die japanischen Grundfesten ähnlich erschüttert wie die Inseltektonik. Da es aber auch nicht ohne geht, steckt Nippon in einer Zwickmühle, die Florian Coulmas in der NZZ anschaulich schildert. (25.01.12)
Denkt doch an die Kinder statt an "Inquisitionsschlampen hart gedehnt IV"!
Bei der WELT geht es nicht immer bloß um Weltkrieg und Kulturverfall, auch in der Pornographietheorie ist das Springerblatt ganz groß. (Erinnert sei an das von Sachkenntnis strotzende Interview, das Jan Küveler mit Porno-Kali Sasha Grey geführt hat.) Pornokonsum kostet die Wirtschaft Zeit und also Geld, passt nicht recht zum hehren Ideal vom guten und edlen Menschen und gibt doch einen der besten Anlässe ab, um Paternalismus und Liberalismus gegen einander abzuwägen, wie es der britische Philosoph Alain der Botton in der WELT also tut. Deutlich liberaler waren da die Schlüsse, die Augušt Maria Neander in seinen entsprechenden Betrachtungen zur Pornographie im Lichtwolf gezogen hat.
Auf jedem Schiff, das dampft und segelt
Auffällig oft verweisen wir auf Artikel des (längst nicht mehr ganz so) bürgerlichen FAZ-Feuilleton - weil es nun einmal eines der Besten ist. Dies wurde diese Woche wieder unter Beweis gestellt durch Marcus Jauer. Ausgehend von Jean-Luc Godard, der die "Costa Concordia" als Drehort seiner Kapitalismusparabel "Film Socialisme" auswählte, schlägt Jauer den Bogen zum Francesco Schettino als auch vor Ort anzutreffende Führungsfigur, die - wenn die Kacke am Dampfen ist - nichts mehr von ihrer Verantwortung wissen will. (26.01.12)
Das Weitere und Nähere
Das Ende der Schokobanane? Im Fischblog erklärt Lars Fischer, wie der Klimawandel sowohl Kakao- als auch Bananenplantagen bedroht. +++ Rudolf Walther berichtet für die taz von einem prominent besetzten Kongress zur Klärung der Begriffe Communitas, Commune, Communismus. +++ Ebenfalls in der taz schreibt Ambros Waibel den Nachruf auf Carl Weissner, den Mann, der Bukowski erfand und ihm diese Woche für immer in den Weinkeller des Todes folgte. Drei Wochen zuvor hatte Waibel Weissner noch die Hauptrolle in seiner Schreibcafé-Kolumne gewidmet.
Rezensionen
Die ZEIT bespricht Martin Hartmanns Buch über Vertrauen in Politik und Alltag und Martin Seels Buch über Tugenden und Laster (ambivalent wie die Werkthese selbst). In der NZZ zeigt sich Roman Veressov nicht glücklich mit Michael Fischs Foucault-Biographie.
Intime Interna am 29.01.2012, 15:32 Uhr
Wer noch nicht davon gehört hat oder einfach nur nötig tollen, preiswerten Content für seine/ihre Leuchtschrippe von Apple, Amazon und Konsorten braucht, sei informiert, dass es die Werke aus dem Hause Lichtwolf seit vergangenem Herbst auch als E-Books gibt. Das aus den Federn Ihrer liebsten Lichtwolf-Autoren gewonnene Sortiment an Elektrotexten wächst stetig und kommt in zwei Geschmacksrichtungen daher: Einmal für Amazons Kindle, einmal - zum gleichen Preis und natürlich ebenfalls ohne Kopierschutz - im epub-Format für alle anderen Lesegeräte, die zum Beispiel via Libreka! bestückt werden können. (Zudem gibt es eine Fülle von kostenlosen Programmen wie z.B. Calibre, mit denen E-Books am Heim-PC genutzt werden können.)
Als da wären die letzten drei Ausgaben der "Zeitschrift trotz Philosophie", beginnend mit der Sommerausgabe Nr. 34 zum Thema "Urlaub" (Kindle / epub, 3,99 EUR). Im Herbst erschien der Lichtwolf Nr. 35 mit dem Titelthema "Sprache" - die E-Book-Version (Kindle / epub, 3,99 EUR) hält sich bei Amazon seither tapfer in den Top-20 der E-Books zu Philosophie des 20. Jahrhunderts (!). Die aktuelle Winterausgabe Nr. 36 (Titelthema: "Nacht") ist ebenfalls elektronisch verfügbar (Kindle / epub, 3,99 EUR).



Daneben gibt es alle bisher im catware.net Verlag erschienenen Bücher gleichfalls als E-Books, also Schneideggers Roman "Dein Leben ohne mich" (Kindle / epub, 6,99 EUR), Michael Helmings Kurzgeschichtenband "Die vorläufig letzte Fassung der Gegenwart" (Kindle / epub, 4,99 EUR) sowie die Essaysammlung über zu Unrecht vergessene Autoren "Leichen treppauf", gleichfalls von Helming (Kindle / epub, 3,99 EUR). Noch billiger kommen Sie mit Helmings Essay über Jorge Luis Borges davon, der kostet bei Amazon 99 Cent (weil's nicht billiger ging) und beim Verlag gibt es das Lichtwolf-Sonderheft kostenlos im epub-Format.
Ebenfalls äußerst erschwingliche Kurzweile bietet die exklusive und elektrische Kurzgeschichtenreihe "le chat sans papier": Schneideggers Kafkaeske "Die zweite Natur" über einen Mann, der Schauspieler werden will und darum jemanden spielt, der Schauspieler werden will (Kindle / epub, 2,99 EUR), Helmings phantastische Erzählung "Karaoke" über den Pakt, den ein Winterfachverkäufer mit einer singenden Made zwecks Herzenseroberung schließt (Kindle / epub, 2,99 EUR) sowie Bdolfs Sci-Fi-Punk-Story "Mein Raumschiff und ich" über eine außerirdische Intelligenz, die u.a. in eine Nordpolschlacht zwischen Weihnachtsmann und Nazis sowie in einen Gangbang im Reichstagsgebäude gerät (Kindle / epub, 2,99 EUR) - alles ganz geiler Scheiß, höchst modern und binnen Sekunden auf Ihrer Festplatte oder Smartphone oder Tablet oderoderoder.

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